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40 Jahre gefälschte Hitler-Tagebücher

24. April 2023

Vor 40 Jahren präsentierte das Magazin "Stern" einen absoluten Knaller: die Tagebücher von Adolf Hitler. Der größte Fake der deutschen Pressegeschichte porträtierte den Kriegsverbrecher als fürsorglichen Politiker.

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Ein Mann hält mehrere schwarze Kladden mit roten Siegeln hoch.
Stern-Reporter Gerd Heidemann präsentiert 1983 die gefälschten Hitler-TagebücherBild: Thomas Grimmm/AP/picture alliance

27 Fernsehteams und mehr als 200 Journalisten versammeln sich am 25. April 1983 im Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr, wo die Zeitschrift "Stern" eine Sensation vorbereitet hat. Die Chefredaktion des "Stern" tritt vor die Presse, mit dabei haben die Herren zwölf schwarze Kladden, vollgeschrieben mit den persönlichen Aufzeichnungen des ehemaligen Reichskanzlers Adolf Hitler. Tumultartige Zustände, aufgeregte Stimmen, das Klicken der Auslöser, Blitzlichtgewitter - und der "Stern"-Reporter Gerd Heidemann, der sich von der allgemeinen Begeisterung dazu hinreißen lässt, mit den Tagebüchern für die Kameras zu posieren. Diese Bilder gehen um die Welt.

Am 28. April 1983 veröffentlicht der "Stern" in einer Sonderausgabe die ersten Auszüge der vermeintlichen Tagebücher. Die Auflage von ursprünglich 1,8 Millionen hat das Wochenmagazin vorsorglich um 400.000 erhöht, und die Ausgabe ist 50 Pfennig teurer (ca. 25 Eurocent). "Stern"-Chefredakteur Peter Koch verkündet mit breiter Brust: "Die Geschichte des Dritten Reiches muss in großen Teilen neu geschrieben werden." Doch stattdessen wurde vielmehr, wie Recherchen heute beweisen, ein stark verzerrtes Geschichtsbild wiedergegeben.

Ein begeisterter Mann zeigt eine Kladde und das Victory-Zeichen und wird von Journalisten umringt.
In der Verfilmung des Skandals spielt Götz George 1992 den Reporter in "Schtonk!"Bild: United Archives/IFTN/picture alliance

Blähungen und Mundgeruch

Die Stern-Leser erfahren erstmal - nichts. Private Banalitäten reihen sich aneinander. Hitlers Lebensgefährtin Eva Braun wollte Freikarten für die Olympischen Spiele 1936 haben, was den Führer ärgerlich stimmte. Zudem litt er an unappetitlichen Zipperlein: "Lasse mich auf Wunsch von Eva, von meinen Ärzten richtig untersuchen. Durch die neuen Pillen, habe ich starke Blähungen, und wie Eva sagte Mundgeruch." [Die in diesem Artikel vorkommenden Zitate werden originalgetreu mit Zeichen- und Rechtschreibfehlern wiedergegeben, Anm.d.Red.]

Schon längst glauben Historiker und auch Kollegen aus anderen Medienhäusern nicht mehr, dass die Aufzeichnungen echt sind. Als schließlich das Bundeskriminalamt zwölf Tage nach Veröffentlichung seine Gutachten vorlegt, ist der Beweis für die Fälschungen so banal wie unumstößlich: Das Papier, aus dem die Kladden bestehen, gab es im Dritten Reich noch gar nicht, sondern wurde erst in den 1950er-Jahren hergestellt.

Der Skandal ist perfekt. Die Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungen ein. Die Strippenzieher des Skandals, Reporter Heidemann und Fälscher Kujau, landen vor Gericht, beide bekommen mehrjährige Haftstrafen. Konrad Kujau stirbt 2000 an Krebs, Heidemann lebt in bescheidenen Verhältnissen in Hamburg. Der "Stern" bezeichnete den Skandal später selbst als "größten anzunehmenden Unfall der Zeitschriftengeschichte" und konnte sich jahrelang nicht von dieser Peinlichkeit erholen.

Stern-Ausgaben liegen im Hamburger Polizeimuseum, dazu der Satz: Die Sensation und ihr schnelles Ende.
"Stern"-Ausgaben von 1983 im Hamburger PolizeimuseumBild: Miriam Schmidt/dpa/picture alliance

Wie ein Kunstfälscher alle reinlegt

Rückblick in die 1970er: Der Maler und talentierte Kunstfälscher Konrad Kujau gibt sich als Händler aus und beliefert den Industriellen und früheren SS-Mann Fritz Stiefel bereits seit Jahren mit angeblich echten Nazi-Artefakten, darunter vermeintliche Handschriften und Kunstwerke aus Hitlers Feder. Auch das erste von ihm gefälschte Tagebuch zeigt er dem leidenschaftlichen Sammler von Nazi-Relikten. Die Herren vergleichen das Heft mit den anderen Hitler-Handschriften aus Stiefels Besitz, die Kujau ebenfalls gefälscht hatte, und erklären das Tagebuch für echt.

Als Stiefel den Stern-Reporter Gerd Heidemann, einen ebenfalls begeisterten Sammler von NS-Devotionalien, kennenlernt, zeigt er dem Journalisten das Tagebuch. Heidemann wittert eine Sensation. Er geht dem Gerücht nach, dass an der Absturzstelle eines Nazi-Flugzeugs in der DDR Tagebücher von Adolf Hitler geborgen worden seien. Heidemann fährt zur Absturzstelle und ist überzeugt, dass die Bücher tatsächlich dort gefunden wurden. Er weiht nur wenige Kollegen vom "Stern" ein und schafft es schließlich mit Kujau in Kontakt zu treten. Der weiß längst, dass er mit dem "Stern"-Reporter einen riesigen Fisch an der Angel hat. Das Angebot lässt nicht lange auf sich warten - die Wochenzeitschrift bietet ihm zwei Millionen D-Mark (ca. eine Million Euro) für die Hefte - und Kujau legt los.

Ein Mann zeigt einem anderen Mann ein Gemälde.
In der TV-Adaption "Faking Hitler" von 2021 ist Moritz Bleibtreu in der Rolle des Fälschers Kujau zu sehenBild: Wolfgang Ennenbach/RTL/dpa/picture alliance

Die ersten drei Tagebücher werden sofort überprüft. Renommierte Historiker, Experten des Bundesarchivs und des Landeskriminalamts Rheinland-Pfalz bestätigen zunächst tatsächlich die Echtheit. Niemandem fällt auf, dass einige der Vergleichsschriftproben, die den Gutachtern vorgelegt wurden, ebenfalls aus Kujaus Feder stammten.

"Führer Hitler"

Vor Ungereimtheiten verschließen sowohl die Redaktion als auch die Prüfer die Augen. Es ist zwar bekannt und belegt, dass Hitler eher schreibfaul war. So passt es nicht zu dem als ungeduldig und impulsiv charakterisierten Mann, so viele Kladden voll zu schreiben - und das mit verdächtig ordentlicher Schrift ohne hektisch durchgestrichene Schreibfehler. Das wird einfach unter den Tisch gekehrt. 

Selbst der offensichtlichste Fehler wird umgedichtet: Auf den Deckeln der Kladden stehen in altmodischer Typo die zwei Buchstaben "FH" . Hitlers Initialen? Nun, die Gier der Beteiligten setzt ein gewisses Maß an Fantasie frei. Selbstverständlich müsse "FH" für "Führer Hitler" stehen.

Wenn der Hintergrund nicht so grausam wäre, grenzt die ganze Geschichte fast schon an Klamauk - und war längst Stoff für Kino und TV. 1992 hat Regisseur Helmut Dietl den Skandal mit der Oscar-nominierten Satire "Schtonk!" ins Kino gebracht. 2021 war die Geschichte in der Miniserie "Faking Hitler" bei dem Privatsender RTL+ zu sehen.

Für alle zugänglich

Ein Rechercheteam des TV-Senders NDR hat nun mit Hilfe einer künstlichen Intelligenz die meist unlesbaren Handschriften digitalisiert und in eine lesbare Form umgesetzt. Im Februar 2023 veröffentlichte der NDR alle Bände der gefälschten Tagebücher in einer wissenschaftlich kommentierten Online-Ausgabe. Der Historiker und Politologe Hajo Funke hat die Aufzeichnungen in den entsprechenden historischen Kontext gesetzt und kommentiert. Minutiös werden die historischen Fakten mit den Kujau-Texten verglichen. Per Zeitstrahl kann man sich in die einzelnen Jahre klicken. Eine Suchfunktion führt Interessierte direkt zu den Einträgen, die sich mit "Eva", "Goebbels", "Stalin", "Juden", "Mussolini" oder auch "Mundgeruch" beschäftigen.

Bisher hatten nur wenige Experten - etwa vom Deutschen Bundesarchiv - Einsicht in die gefälschten Bücher. Jetzt können alle Interessierten das merkwürdige Geschwurbel lesen, das der Fälscher Kujau Hitler angedichtet hat.

Konrad Kujau vor seinen gefälschten Kunstwerken von Klimt.
Nach dem Skandal eröffnete Konrad Kujau ein eigenes Atelier mit "original Kujau-Fälschungen"Bild: Max/Berliner_Zeitung/picture-alliance

Kein Wort vom Holocaust

Dabei wird sehr schnell eins sichtbar: Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Hitler die Verfolgung und Vernichtung der Juden im Dritten Reich aktiv vorangetrieben hat. Im Gegenteil - Hitler hätte nichts vom Holocaust gewusst und sich fürsorglich für Juden eingesetzt. So lässt Kujau mit diesem verzerrten Geschichtsbild seinen Hitler Ende April 1933 schreiben: "Die am 1. gegen jüdische Einrichtungen begonnenden Maßnahmen sind mir zu gewaltig, habe sofort die dafür verantwortlichen Männer gewarnt. Mußten auch einige aus der Partei ausschließen lassen."

Auch die brutalen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 ließen den falschen Hitler empört schreiben: "Es geht nicht daß unserer Wirtschaft durch einige Hitzköpfe Millionen und aber Millionenwerte vernichtet werden, allein schon an Glas. (…) Mir wird von einigen unschönen Übergriffen einiger Uniformträger gemeldet, an einigen Orten auch von erschlagenen Juden und jüdischen Selbstmorden. Sind diese Leute denn verrückt geworden? Was soll das Ausland dazu sagen?"

Nach der Reichspogromnacht in Berlin, Menschen gehen an einem zerstörten Schaufenster vorbei.
In der Version nach Kujau war vor allem der Glasbruch Hitlers größte Sorge nach der Reichspogromnacht 1938Bild: KEYSTONE/picture alliance

Am 20. Januar 1942, dem Tag der Wannseekonferenz, heißt es: "Erwarte die Meldungen der Konferenz über die Judenfrage. Wir müssen unbedingt einen Platz im Osten finden, wo sich diese Juden selbst ernähren können. Ich habe von den Teilnehmern der Konferenz eine schnelle Lösung verlangt. Es muß doch im Osten einen Flecken geben, wo man diese Juden unterbringen kann."

Dass an diesem Tag bei Kaffee und Schnittchen der Massenmord an Millionen europäischer Juden mit den Worten "Endlösung der Judenfrage" beschlossen wurde, wird mit keinem Wort erwähnt.

Hinter den Texten, so schlussfolgert das NDR-Rechercheteam, verberge sich nicht nur die Fantasie einiger von Geld- und Geltungsdrang Getriebener, sondern "die Einträge sind in einem rechtsradikalen Umfang entstanden - und leugnen den Holocaust."

Unverhohlenes Interesse am privaten Hitler

So ist die Geschichte um den größten Presseskandal der Bundesrepublik nicht nur das Schelmenstück eines genialen Fälschers, der die komplette Chefetage einer populären deutschen Wochenzeitschrift reingelegt hat. Sie war vor 40 Jahren auch ein Spiegel, der den Deutschen vorgehalten wurde: Es gab weiterhin vielerorts ein unverhohlen großes Interesse an der Person Hitlers - vor allem am Privatmenschen -, der nicht als verbrecherischer Kriegstreiber und Massenmörder dargestellt wurde, sondern als sorgen- und verantwortungsvoller Staatsmann. Dessen Gedanken sich keinesfalls um Vernichtungslager drehten, dafür aber um Eva Brauns Befindlichkeiten, Joseph Goebbels' Frauengeschichten und seine eigenen Darmwinde.

Postkarte Hitler sitzt auf der Terrasse des Berghofs am Obersalzberg und liest.
Hitler am Obersalzberg 1936: Der vermeintlich belesene und besonnene StaatsmannBild: IMAGNO/Austrian Archives/picture-alliance
Wuensch Silke Kommentarbild App
Silke Wünsch Redakteurin, Autorin und Reporterin bei Culture Online