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Welche Mittel helfen gegen Corona?

Kathrin Wesolowski | Uta Steinwehr
20. Februar 2021

In den vergangenen Wochen machten einige Medikamente und Mittel Schlagzeilen im Kampf gegen das Coronavirus. Doch nicht alle vermeintlichen Heilsbringer konnten ihr Versprechen halten. Eine Auswahl im Überblick.

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Symbolbild Schmerzmittel
Bild: picture-alliance/Zoonar/R. Kneschke

Das wirkt:

Avigan - kann eine Corona-Erkrankung verkürzen

Das japanische Grippemittel Avigan mit dem Wirkstoff Favilavir sorgte zunächst in Asien, dann weltweit für einen Hype. Das Medikament wird eigentlich gegen Influenza eingesetzt und soll gegen verschiedene RNA-Viren wirken. 2014 wurde es erfolgreich gegen Ebola eingesetzt. 2016 lieferte die japanische Regierung Favilavir als Nothilfe zur Bekämpfung der Ebola-Seuche nach Guinea. 

Nach aktuellem Stand kann das Medikament die Zeit der Erkrankung verkürzen, es hat allerdings sehr starke Nebenwirkungen wie anaphylaktische Schocks oder Lungenentzündungen.

Dexamethason - es kommt aufs Timing an

Der Entzündungshemmer Dexamethason soll bei Patienten, die beatmet werden und mehr als sieben Tage lang krank sind, die Sterblichkeit senken. Das Robert-Koch-Institut (RKI) und auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfehlen bei solchen Patienten den Einsatz des Medikaments. Dexamethason soll allerdings nicht bei Menschen mit milden Symptomen und nicht zu früh eingesetzt werden. "Wenn man zu früh einsetzt, würde man das Immunsystem dämpfen oder blocken und könnte sogar provozieren, dass die Erkrankung schwerer verlaufen könnte", erklärte Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, im NDR-Podcast Anfang Oktober.

Das wirkt nicht:

Hydroxychloroquin - keine positiven Auswirkungen

Der Wirkstoff Hydroxychloroquin, ein altes Mittel gegen Malaria, galt am Anfang der Pandemie als Hoffnungsträger gegen COVID-19 und wurde zunächst auch eingesetzt. Mittlerweile warnt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte allerdings vor der Einnahme zur Behandlung von COVID-19. "Mit Hydroxychloroquin behandelte COVID-19 Patienten sind wegen der schweren Nebenwirkungen, die bei der Anwendung auftreten können, genau zu überwachen", schreibt das Institut auf seiner Webseite. Vor allem aber seien keine positiven Auswirkungen bei Corona-Patienten nachgewiesen worden.

Zwei Malariamücken in Nahaufnahme auf der Haut
Hydroxychloroquin wird zwar bei Malaria eingesetzt, bei COVID-19 ist es aber keine Empfehlung mehrBild: H. Bellmann/F. Hecke/blickwinkel/picture alliance

Das ist umstritten:

Artemisinin - pflanzlicher Hoffnungsträger

Zu Beginn der Pandemie sorgte ein Kräutergetränk aus Madagaskar für Furore: Covid Organics, das auf Artemisinin setzt, einem Wirkstoff aus Beifußpflanzen. In einer Mitte Februar veröffentlichten Untersuchung und einer früheren Studie zeigte ein Team um Professor Peter Seeberger, Leiter des Bereichs Biomolekulare Systeme am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung, dass unter Laborbedingungen Extrakte der Artemisia-Pflanze wirksam gegen SARS-CoV-2 sind.

In der neuen Studie haben die Wissenschaftler erstmals auch Covid Organics untersucht. Das Ergebnis: In Laborversuchen zeigt sich Covid Organics durchaus wirksam gegen das neue Coronavirus. Die Studie wurde als Preprint veröffentlicht, sie ist also noch nicht endgültig von Fachkollegen begutachtet.

Im DW-Interview sagte Seeberger allerdings, dass ein Vergleich der Wirksamkeit zwischen Covid Organics und Extrakten aus Artemisia nicht seriös machbar sei, da das Ausgangsmaterial - auf der einen Seite ein industriell gefertigtes Getränk und auf der anderen Seite getrocknete Pflanzen - und dessen Behandlung zu unterschiedlich sei.

Madagaskar Schüler in einer Schule halten Flaschen in die Höhe
Madagassische Behörden verteilten das Covid Organics auch in Schulen Bild: picture-alliance/dpa/L. Bezain

Offen ist vor allem, "ob durch Einnahme von Extrakten im Körper so eine Konzentration erreicht werden kann, dass es im Menschen gegen das neue Coronavirus wirksam ist, ohne toxisch zu werden", sagte Seeberger. Ergebnisse klinischer Studien fehlen bisher. Derzeit läuft in Mexiko eine Phase-II-Studie mit 360 Menschen, die die Wirksamkeit von der Pflanze Artemisia annua in Zusammenhang mit COVID-19 untersucht.

Bei der nun zunächst als Preprint veröffentlichten Untersuchung gab es für das Team aber noch eine unerwartete Überraschung: In der neuen Studie wurde auch Artemisia afra untersucht, eine Beifußart, die gar kein Artemisinin enthält. Trotzdem zeigte diese Art eine Wirkung gegen SARS-CoV-2. "Das heißt, im Beifuß muss es mehr als eine Substanz geben, die positiv wirkt", sagte Seeberger.

Tocilizumab und Sarilumab - widersprüchliche Studien

Die Wirkung der Antikörper Tocilizumab und Sarilumab ist bisher umstritten. Die Wirkstoffe kommen normalerweise bei rheumatischer Arthritis zum Einsatz. Einer aktuellen, noch nicht begutachteten Studie zufolge verringert Tocilizumab die Sterblichkeit bei Patienten mit schwerem Verlauf. In der Untersuchung der University of Oxford wurden je gut 2000 COVID-19-Patienten mit und ohne Tocilizumab behandelt. Ergebnis: Von den Patienten, denen Tocilizumab verabreicht wurde, starben 29 Prozent; von den Patienten, die mit üblichen Behandlungsmethoden behandelt wurden starben 33 Prozent - ein Unterschied von vier Prozentpunkten.

Peter Horby, Professor für neu entstehende Infektionskrankheiten an der Oxford Universität, und einer der Chefforscher der Studie, sagte in einer Pressemitteilung: "Frühere Studien mit Tocilizumab hatten gemischte Ergebnisse gezeigt, und es war unklar, welche Patienten von der Behandlung profitieren könnten. Wir wissen jetzt, dass sich die Vorteile von Tocilizumab auf alle COVID-Patienten mit niedrigem Sauerstoffgehalt und signifikanten Entzündungen erstrecken. Die doppelte Wirkung von Dexamethason plus Tocilizumab ist beeindruckend und sehr willkommen."

Großbritannien setzt den Wirkstoff bereits gegen COVID-19 ein. Eine andere Studie von Dezember 2020 kam allerdings zu dem Ergebnis, dass die Wirkstoffe die Sterblichkeit nicht wirklich verringern.

Ivermectin - (k)ein Wundermittel?

Zu dem Medikament Ivermectin gibt es ebenfalls zweiteilige Aussagen. Während das Medikament, das eigentlich gegen Krätze und Wurmerkrankungen benutzt wird, in Lateinamerika als "Corona-Wundermittel" gehandelt wird, raten die WHO und die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA davon ab. Weitere Tests seien erforderlich, um festzustellen, ob Ivermectin zur Vorbeugung oder Behandlung von Coronavirus oder COVID-19 geeignet sein könnte.

Personal in Schutzkleidung auf einer Intensivstation an dem Bett eines Patienten
Einige Mittel sollen schwere Verläufe von COVID-19 abmildern und die Sterblichkeit senkenBild: Theo Giacometti/Getty Images

Die "Front Line COVID-19 Critical Care Alliance", eine Allianz von US-Intensivmedizinern, kommt nach Auswertung der vorliegenden klinischen Daten dagegen zu dem Schluss, dass der Wirkstoff die Viruslast signifikant verringern könne und die Genesung von Patienten mit leichtem und mittlerem Verlauf beschleunige. Bei schweren Verläufen soll das Medikament die Notwendigkeit eines Krankenhausaufenthaltes reduzieren und die Fallsterblichkeit senken.

Mundspülungen und Nasensprays - Wirkung unbelegt

Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene empfiehlt, zur Prävention mit bestimmten Flüssigkeiten zu gurgeln. Die Idee dahinter: Das Gurgeln tötet Viren im Rachenraum ab. Sollten die Patienten infektiös sein, könnte kurzzeitig die Ansteckungsgefahr für andere reduziert werden. 

Der Sprecher der Gesellschaft, Peter Walger betont im DW-Gespräch: "Natürlich erreicht man die Viren nicht, solange sie in den Zellen sind. Es ist also keine Beseitigung der Infektion, sondern nur eine Beseitigung der freien Viren, die - wenn sie ausgehustet oder ausgeatmet werden - die Basis für eine neue Ansteckung wären."

Ähnliches gilt für antiviral wirkende Nasensprays. Bisher war beispielsweise das Produkt Algovir im Gespräch. 

Großbritannien Soldaten stehen in einer Reihe und gurgeln
Alle antreten! - Mundspülungen sind ein altes Hausmittel zur, hier versuchen britische Soldaten 1939 die Grippe abzuwehrenBild: Harry Shepherd/Fox Photos/Getty Images

Konkreter Anlass für die Empfehlung war die Studie einer Forschungsgruppe aus Bochum und weiteren Wissenschaftlern, wie Walger sagte. Im Reagenzglas konnten diese nachweisen, dass verschiedenen Mundspüllösungen die Virusmengen von SARS-CoV-2 reduzierten.

Die WHO und deutsche zahnmedizinische Fachgesellschaften empfehlen bereits seit August und September, dass Patienten vor einer Behandlung im Mund mit entsprechenden Lösungen gurgeln sollten. Die Fachgesellschaften betonten jedoch, dass es noch keine klinischen Studien gab, die beweisen, dass die Mundspülungen auch im Menschen gegen SARS-CoV-2 hilft.

Donald Turmp mit Gesichtsmaske zeigt den Daumen hoch
Mit Remdesivir und Dexamethason wurde auch US-Präsident Donald Trump behandelt, als er an COVID-19 erkranktBild: Jonathan Ernst/Reuters

Umstritten ist derzeit, ob die Lösungen tatsächlich dort im Körper ankommen, wo die meisten Viren sitzen, wie aus einer Recherche der Redaktion Correctiv hervorgeht. Eine Studie aus Deutschland mit 10 SARS-CoV-2-positiven Probanden kam zu dem Schluss, dass eine Mundspülung mit einer einprozentigen Wasserstoffperoxid-Lösung die Virenlast nicht senkte. 

Remdesivir - es fehlen Beweise

Donald Trump nahm das Mittel nach seiner Corona-Infektion, die Wirkung von Remdesivir gegen COVID-19 ist allerdings höchst umstritten. Das RKI empfiehlt den Einsatz bedingt, in den USA beispielsweise wird es auch genutzt. Die US-Regierung stützt sich dabei auf Studien, wonach der Wirkstoff die Erkrankungszeit verkürze. Für die WHO gibt es nicht nicht genügend Beweise, um die Verwendung von Remdesivir zu empfehlen.

Dieser Artikel wurde erstmals am 18. Januar 2021 veröffentlicht und zuletzt am 20. Februar aktualisiert.

DW Fact Checking-Team | Kathrin Wesolowski
Kathrin Wesolowski Reporterin und Faktencheckerin zu politischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Themenwiesokate