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Vor 80 Jahren: Rote Armee nimmt KZ Majdanek ein

24. Juli 2024

Das Konzentrationslager bei Lublin war nicht nur das erste, das Ende Juli 1944 eingenommen wurde. In Majdanek entstand auch die erste KZ-Gedenkstätte.

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Blick aus der Vogelperspektive auf Baracken innerhalb großer Grünflächen
Das Museum erhält heute insgesamt siebzig Originalgebäude sowie teilrekonstruierte Krematorien und Gaskammern Bild: Staatliche Museum Majdanek

Am 24. Juli 1944 erreichen sowjetische Soldaten zusammen mit polnischen Militäreinheiten das Lager, das ein US-amerikanischer Kriegsreporter kurze Zeit später als "schrecklichsten Ort der Welt und wahren Zubringer für die Produktion des Todes" bezeichnen wird: das Konzentrations- und Vernichtungslager Lublin-Majdanek im von Deutschland besetzten Polen.

Kurz zuvor haben die Nationalsozialisten den Massenmord an 78.000 Menschen, darunter etwa 60.000 Juden, außerdem Polen, Weißrussen und Ukrainer, zu vertuschen versucht, die Häftlinge abtransportiert und mehrere Gebäude niedergebrannt. Vertuschen wollten die Nazis damit auch, dass sie systematisch Menschen in Lagern ermordeten.

Der Holocaust, im hebräischen "Schoah" (wörtlich "große Katastrophe") genannt, war das Vernichtungsprogramm der Nationalsozialisten. Besonders betroffen waren Juden in ganz Europa. Schätzungsweise sechs Millionen Juden kamen zwischen 1933 bis 1945 ums Leben, viele wurden in Konzentrations- oder Straflagern ermordet. Auch Sinti, Roma, Obdachlose, politisch Andersdenkende wurden verfolgt und ermordet. Auschwitz-Birkenau, im heutigen Polen, war das größte dieser Lager. Dort wurden Menschen in Gaskammern ermordet oder erschossen. Lublin-Majdanek war ebenfalls eines der großen Lager.

Der stellvertretende Direktor des staatlichen Museums Majdanek, Wieslaw Wysok, sagt gegenüber der DW: "Es wurden schockierende Beweise der von den Deutschen begangenen Verbrechen vorgefunden: Asche, Knochen, menschliche Überreste und Körper der ermordeten und verstorbenen Häftlinge, vorwiegend Juden und Polen. Die tragische Dimension des Ortes wurde darüber hinaus durch die erhalten gebliebenen Spuren des Verbrechens deutlich: Gaskammern, Krematorien, Häftlingsbaracken, Hunderttausende von Schuhen."

Mann mit Glatze schaut in die Kamera
"Viele Häftlinge wurden ausgenutzt und dann mit Aushungern, Auszehrung und Krankheiten vernichtet" - Wieslaw WysokBild: Staatliche Museum Majdanek

Schon Ende Juli 1944, also ein halbes Jahr vor der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, wird klar: die Ermordung der Juden und Polen ist keineswegs Kriegspropaganda, sondern grausame Realität. Auf Befehl vom Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, im Herbst 1941 errichtet, sei die Funktion von Majdanek als Vernichtungslager prägend, so Wysok.

"In den Gaskammern wurden von Herbst 1942 bis Herbst 1943 jüdische Häftlinge mit Zyklon B und Kohlenmonoxid ermordet. Es war auch Massenerschießungsstätte für jüdische und polnische Gefangene. Am 3. November 1943 im Rahmen der sogenannten Aktion 'Erntefest‘ erschoss die deutsche Polizei und SS-Einheiten über 18.000 jüdische Frauen, Kinder und Männer. Etwa 130.000 Menschen gingen durch Majdanek."

Schautafel, im Hintergrund braune Baracken
Baracken in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers MajdanekBild: Staatliche Museum Majdanek

Lublin Zentrum der "Aktion Reinhardt"

Die Aktion "Erntefest" nutzen die Nationalsozialisten Anfang 1943 als Tarnnamen für die Massenerschießungen an insgesamt 43.000 Jüdinnen und Juden in den Lagern Trawniki, Poniatowa und Majdanek. Ihre Exekution ist Teil der großangelegten "Aktion Reinhardt", die systematische Ermordung von 1,8 Millionen Juden im deutsch besetzen Polen. Lublin, an dessen Stadtrand Majdanek liegt, kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, sagt der Historiker Stephan Lehnstaedt, Professor für Holocaust-Studien und Jüdische Studien an der Touro University Berlin, gegenüber der DW.

"In Lublin war die Zentrale der Aktion Reinhardt, das ist der Ort, wo die wirtschaftlichen Aktivitäten zusammenlaufen. Dort werden die Juden, die man noch für Zwangsarbeit braucht und ausbeuten möchte, verteilt. Dort werden die geraubten Gegenstände sortiert und weiterverarbeitet. Von dort werden Menschen in andere Lager abtransportiert, von dort wird alles koordiniert."

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Konzentrationslager haben keine militärische Bedeutung

Das, was im Vorort Majdanek passiert, ist in Lublin längst kein Geheimnis mehr: Geflohene und zivile Arbeiter berichten von den grausamen Geschehnissen. Im August 1944 dürfen auch erste westliche Journalisten das Lager besichtigen. Im US-amerikanischen Magazin "Life" erscheint ein Bericht über Majdanek mit dem Titel "Das schrecklichste Beispiel für organisierte Grausamkeit in der Geschichte der Zivilisation". Doch für den weiteren Kriegsverlauf ist dies vollkommen irrelevant, sagt Lehnstaedt.

"Majdanek liegt auf dem direkten Weg nach Berlin. Niemand ist unterwegs, um Konzentrationslager zu befreien, sondern um gegen die Wehrmacht zu kämpfen und die Deutschen militärisch zu besiegen. Die vielfach diskutierte Frage ist ja: Warum wurden die Gleise nach Auschwitz nicht bombardiert, wieso tut man da nichts, weshalb protestiert man nicht? Weil es militärisch keine Rolle gespielt hat."

Prozesse in Westdeutschland erst Jahrzehnte später

Immerhin: Majdanek war nicht nur das erste Vernichtungs- und Konzentrationslager, das von der Roten Armee besetzt wurde, es wird auch die weltweit erste KZ-Gedenkstätte, die der Opfer des Nationalsozialismus gedenken konnte. Wieslaw Wysok: "Knapp einen Monat nach der Auflösung des Lagers entstand in Lublin die Initiative zur Gründung eines Museums. Das Museum begann Anfang November mit seiner Arbeit. Drei Jahre später, am 2. Juli 1947, beschloss das polnische Parlament ein Gesetz, das dem Staatlichen Museum Majdanek einen Rechtsstatus verlieh."

Die Prozesse gegen die Täter von Majdanek verlaufen dagegen schleppend. Zwar werden im ersten Prozess in Lublin 1944 sechs Angeklagte vor ein Sonderstrafgericht gestellt und zum Tode verurteilt. Bis die Verbrechen allerdings in Westdeutschland juristisch aufgearbeitet werden, vergehen drei Jahrzehnte. Von 1975 bis 1981 stehen sechs Aufseherinnen, ein Lagerarzt sowie neun Mitglieder der SS-Wachmannschaft in Düsseldorf vor Gericht, in einem der längsten und aufwändigsten Verfahren der deutschen Justizgeschichte.

Doch nur die Aufseherin Hermine Braunsteiner-Ryan wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Sieben weitere Angeklagte erhalten Haftstrafen von drei bis zwölf Jahren, der Rest wird freigesprochen. "Ein Teil der Angeklagten ist schon verhandlungsunfähig, man hat einfach zu lange gewartet. Außerdem haben wir das deutsche Rechtssystem, das damals den Nachweis eines individuellen Mordes verlangt. Und der ist schwer zu führen, weil man natürlich einen Zeugen braucht, der sagt, ich habe genau gesehen, wie dieser Mensch einen anderen Häftling getötet hat", sagt Stephan Lehnstaedt.

Schwarz-Weiß Bild mit zwei Männern und einer Frau
Hermine Braunsteiner-Ryan mit ihren Anwälten. Sie zeigte vor Gericht keine Reue und wurde 1996 mit 77 Jahren begnadigtBild: picture-alliance / dpa

Fokussierung der NS-Erinnerung auf Auschwitz

Der Historiker kritisiert, dass Majdanek vielen Deutschen auch 80 Jahre nach der Befreiung kein Begriff sei. Vernichtungslager in Polen wären in Deutschland grundsätzlich nicht sehr bekannt, mit einer Ausnahme: Auschwitz. Die Medien verstärkten dies, mit ihrer Fokussierung auf das 400 Kilometer südwestlich gelegene größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten.

"Unser deutsches Gedenken ist sehr stark auf den Holocaust und auf Auschwitz fixiert. Wenn sich deutsche Besuchergruppen auf den langen Weg nach Polen machen, dann fahren sie in aller Regel nach Auschwitz. Majdanek wie jede andere polnische Gedenkstätte auch steht einfach stark im Schatten von Auschwitz."

Mann mit Brille und Mikrofon in der einen Hand
"In Polen gab es ein ganzes Netz von Lagern, in denen Menschen ermordet und gequält wurden" - Stephan LehnstaedtBild: privat

Der stellvertretende Direktor des staatlichen Museums Majdanek, Wieslaw Wysok, erzählt, dass zu den Gedenkfeiern zum 80. Jahrestag auch ehemalige Häftlinge kommen werden - Überlebende, die damals Kleinkinder waren. Gemeinsam werde in diesen Tagen Zeugnis abgelegt, die Opfer nicht zu vergessen. Die Botschaft der Ermordeten und Überlebenden von Majdanek sei folgende:

"Auf dem Mausoleum-Denkmal, wo die Asche der Ermordeten beigesetzt wurde, steht ein Satz geschrieben: 'Unser Schicksal eine Mahnung für Euch'. Auch nach 80 Jahren ist dies aktuell, denn sie bitten nicht nur um das Gedenken an die unschuldigen Opfer. Sie bitten noch um die Erinnerung an ihren Kampf um die Bewahrung ihrer Menschlichkeit unter unmenschlichsten Bedingungen. Und dass wir aus ihrer Erfahrung lernen."

Porträt eines blonden Manns im schwarzen Hemd
Oliver Pieper DW-Reporter und Redakteur