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Richard Wagner: Mythos und Mensch

Gaby Reucher
17. Juli 2024

Mit seinen Bayreuther Festspielen schuf Richard Wagner seinen eigenen Mythos. Doch wer war der weltberühmte Komponist wirklich? Das Richard Wagner Museum in Bayreuth zeigt seltene Objekte, die Aufschluss geben.

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Portrait Richard Wagner, Stahlstich von Froer.
Richard Wagner mit der typischen Dürer-Kopfbedeckung und Kinnbart.Bild: akg-images/picture-alliance

Die Idee des Gesamtkunstwerks, bei dem Musik, Text, Schauspiel, Bühnenbild und Architektur eine Einheit bilden, machte Richard Wagner und seine Opern weltberühmt. 60 000 Wagnerfans pilgern jährlich zu den Bayreuther Festspielen, wo der Komponist 1876 sein eigenes Festspielhaus eröffnete. Eins war von vorneherein klar: Er führte über alles Regie. Bis heute dürfen bei den Festspielen nur von ihm ausgewählte Opern aus seiner Feder gespielt werden. Geht es nach der Kulturstaatsministerin Claudia Roth, dann soll sich das allerdings in Zukunft ändern. Sie möchte, dass auch andere Komponisten gespielt werden. "Bayreuth sollte insgesamt vielfältiger, bunter und jünger werden", sagte sie den Zeitungen der Mediengruppe Bayern.

An dem Mythos um seine Person arbeitet Richard Wagner (1813 – 1883) schon zu Lebzeiten, ein "Influencer" in eigener Sache, ein Selbstdarsteller seiner Zeit. So inszeniert sich Wagner gerne als Renaissancemensch mit Kleidung aus Atlas und Brokat. Unverkennbar seine "Dürer"-Mütze und der Kinnbart. "Das ist eine Verkleidung, eine Rolle, in der Wagner als Meister wahrgenommen werden wollte, was ihm ja auch ganz gut gelungen ist", sagt Sven Friedrich, Leiter des Richard Wagner Museums in Bayreuth.

In der Sonderausstellung "Mensch Wagner" geht es Friedrich darum, den "menschlichen Kern Wagners hinter der großen mythischen Kulisse zu zeigen", wie er im Gespräch mit der DW erläutert.

Mythos und Mensch

Richard Wagner war nicht nur Dirigent und Komponist, sondern auch Dichter, Dramatiker, Schriftsteller, Kunstphilosoph und Regisseur. Seine Nachkommen stilisierten ihn zu einem Übermenschen. Der Mythos lebt bis heute.

Eine Karikatur von Wagner mit buntem Kostüm, einem übergroßen Turban und vielen Zöpfen
Mit einer Geliebten will Wagner 1850 in den Orient fliehen. Sein Freund Ernst Kietz zeigt Wagner als Wesir in dieser KarikaturBild: Richard-Wagner-Museum

Entscheidend ist dabei seine Musik, besonders die seiner Opern, die mit ihren wiederkehrenden Leitmotiven seinerzeit neuartig waren und die Zuhörer zutiefst bewegte. Wie schon zu Wagners Lebzeiten geben sich Millionen von Hochzeitspaaren heute auf der ganzen Welt das Ja-Wort zu seiner Musik "Treulich geführt" aus dem dritten Akt der Oper Lohengrin - obwohl die Oper tragisch endet.

Der Mensch Wagner ist ambivalent. Als junger Mann beteiligte er sich an der sogenannten Märzrevolution 1848/49. Er kämpfte für Freiheit und Demokratie und die Abschaffung des Adels. Später ließ er sich von zahlungskräftigen Bürgern und Adeligen gerne finanziell unterstützen. Sein größter Bewunderer war König Ludwig II von Bayern. Ohne seine finanzielle Hilfe wäre das Festspielhaus von Bayreuth nicht entstanden.

Wagner, ein Unsympath

Richard Wagner war überzeugter Antisemit. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es eine starke antisemitische Strömung in Europa. Wagner veröffentlichte 1850 sein Pamphlet "Das Judenthum in der Musik", in dem er Menschen jüdischen Glaubens die Fähigkeit abspricht, sich kreativ künstlerisch zu äußern. Eine Gesinnung Wagners, die den Nationalsozialisten Anfang des 20. Jahrhunderts in die Karten spielte. Adolf Hitler war in den 1930er Jahren einer der größten Verehrer von Wagners Opern.

Schwarzbraune Stiefel aus Wagners Besitz
Wagner trug Schuhgröße 38-39 und war circa 165 cm groß. Er war sportlich und ein hervorragender BergsteigerBild: Richard-Wagner-Museum

Richard Wagner lebte gerne über seine Verhältnisse und nutzte Menschen aus. Er war ständig in Geldnöten, floh vor seinen Gläubigern mehrfach ins Ausland. In solchen Situationen nahm der Komponist gerne auch die Hilfe jüdischer Weggefährten an. Der jüdische Opernkomponist Giacomo Meyerbeer, in Paris hoch angesehen, half ihm in finanzieller Not und machte ihn in Paris bekannt. Später verschmähte Wagner den einstigen Unterstützer.

All das macht ihn als Menschen keinesfalls sympathisch. Die Pianistin und Komponistin Clara Schumann mochte seine Arroganz und sein weinerliches Lachen nicht. "Wagner war körperlich klein, durchtrieben und ein Egomane", sagt Sven Friedrich. "Er ist der ‚schnupfende Gnom aus Sachsen‘, wie Thomas Mann gesagt hat: ‚mit dem Bombentalent und dem schäbigen Charakter‘."

Wagner, ein Kind seiner Zeit

Über den Menschen Wagner erfährt man in der Ausstellung aus Selbstzeugnissen oder den Erinnerungen von Familienmitgliedern und Zeitgenossen. Wagners zweite Frau Cosima Wagner schrieb in Tagebüchern über ihr gemeinsames Leben, über Wagners Vorlieben, aber auch von seinen Ängsten, die sich oft in seinen Träumen offenbarten. Auch von dem verhassten Giacomo Meyerbeer träumte er, dass er, Wagner, sich bei ihm entschuldigt habe und das Publikum zur Versöhnung applaudierte.

Plakat Sonderausstellung "Mensch Wagner“
Der Mensch Wagner war ambivalent und inszenierte sich gerne selbstBild: Richard-Wagner-Museum

Erstmals zeigt die Ausstellung Unterlagen zu Richard Wagners Finanzen, wie Kontoauszüge und Wechsel oder ein medizinisches und ein kulinarisches Rezeptbuch. Wagner plagte lebenslang eine Gürtelrose. Seine Verdauungsprobleme behandelte er mit Schonkost und Bäderkuren.

Die Ausstellungsmacher wollen Wagner nicht als selbstschöpferischen Visionär, sondern als Kind seiner Zeit und im Rahmen seiner Lebensumstände darstellen. "Deshalb zeigen wir auch menschliche Objekte, die begreiflich machen, dass Wagner auch einen Alltaghatte. Der Mythos kennt ja keinen Alltag", meint Sven Friedrich. Es sind Objekte wie Wagners Wanderschuhe, seine Geldbörse oder Notizbücher und Gelegenheitsgedichte.

Schwarzes Portemonnaie mit aufgeschlagenem Notizbuch
Wagners Portemonnaie und sein NotizbuchBild: Richard-Wagner-Museum

Wagners Rückzugsorte

Zu den selten gezeigten Ausstellungsstücken gehören auch die Unterlagen zur Errichtung von Haus Wahnfried in Bayreuth, wo der geräuschempfindliche Komponist ab 1874 mit seiner Familie fern einer Großstadt wohnte. Im einstigen Wohnhaus "Villa Wahnfried" ist heute das Richard Wagner Museum untergebracht.

Neoklassizistisches Bauwerk mit der Büste König Ludwig II. von Bayern vor dem Haus
Die "Villa Wahnfried" beherbergt heute das Richard Wagner Museum. Eine Büste von König Ludwig II. von Bayern ehrt den GönnerBild: Gaby Reucher/DW

Ruhe suchte Wagner aber auch in den Alpen bei seinen Wanderungen. Wagner liebte die Natur und verteufelte die Urbanisierung und den industriellen Fortschritt des 19. Jahrhunderts. Gleichzeitig machte er sich aber gerne neue Errungenschaften zu Nutze, wie etwa die Eisenbahn. Mit ihr fuhr er bei den Vorbereitungen zu den Bayreuther Festspielen sogar im persönlichen Salonwagen durch die Lande, um Geldgeber aufzutreiben.

Wagners Reisen und Werke

Richard Wagner reiste quer durch Europa, je nachdem, wo er eine Anstellung fand. In Riga arbeitete er als Kapellmeister am deutschen Stadttheater. Die Anordnung der Stühle und der tiefer gelegte Orchestergraben des Theaters dienten ihm später als Vorbild für den Bau des eigenen Festspielhauses. Ein Wagnerverein hat sich dafür eingesetzt, dass das Theater in Riga, das lange leer stand, wieder in den Ursprungszustand versetzt werden soll.

In Riga arbeitete Richard Wagner an seiner frühen Oper "Rienzi", die er in Dresden 1842 uraufführte und mit der ihm in Paris der Durchbruch als Opernkomponist gelang. In Paris komponierte er die Faust Ouvertüre und seine Oper "Der Fliegenden Holländer", die Musik inspiriert von einer stürmischen Seefahrt. Der fliegende Holländer steht in dieser  Festspielsaison bei den Bayreuther Festspielen auf dem Programm. Zum wiederholten Male mit der ukrainischen Dirigentin Oksana Lyniv im Orchestergraben. 

Vorderansicht des Festpielhauses
Das Eigene Opernhaus für die Bayreuther Festspiele nach den Vorstellungen von Richard Wagner errichtetBild: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Nach dem Märzaufstand 1849 floh Richard Wagner nach Zürich, wo er mit dem Libretto für sein großes Werk "Der Ring des Nibelungen begann" und gleichzeitig seine Oper "Tristan und Isolde" komponierte. In diesem Jahr wird der gesamte Ring noch einmal unter der Regie des Österreichers Valentin Schwarz in Bayreuth aufgeführt. Tristan und Isolde, die Geschichte von zwei Liebenden, die einander nicht lieben dürfen, wird am 25. Juli in der Neuinszenierung des isländischen Dramaturgen Thorleifur Örn Arnarsson im Festspielhaus zu hören und zu sehen sein.

Für seinen Tod ließ Richard Wagner eine Gruft im Garten seiner Villa Wahnfried errichten. Er starb 1883 in Venedig. Ein Testament hinterließ er nicht. Bis 1908 übernahm seine Frau Cosima die Geschäfte der Festspiele. Seit 2008 ist Katharina Wagner, die Urenkelin Wagners, Intendantin der Bayreuther Festspiele.

Die Ausstellung "Mensch Wagner" läuft noch bis zum 6. Oktober im Richard Wagner Museum Bayreuth. Die Premiere der Bayreuther Festspiele ist am 25. Juli, die Festspiele enden am 27. August.

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