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Ein Opernhaus im Nazibau

21. Juli 2022

Lange wurde in Nürnberg darum gestritten, jetzt fiel die Entscheidung: Die gigantische Kongresshalle aus der NS-Zeit wird - vorübergehend - zum Ausweichquartier für die Oper.

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Deutschland | Kongresshalle der NSDAP auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg
Bild: Norbert Probst/imagebroker/imago images

Die Parteien im Nürnberger Stadtrat waren sich schon Ende des vergangenen Jahres einig, doch jetzt hat der Stadtrat endgültig und offiziell entschieden - und zwar nach Angaben eines Stadtsprechers mit großer Mehrheit: Die Kongresshalle am Dutzendteich, erbaut von den Nazis für gigantische Partei- und Propagandaveranstaltungen, soll für ein paar Jahre die Nürnberger Oper beherbergen. Die muss nämlich dringend saniert werden.

Der U-förmige, denkmalgeschützte Monumentalbau am Rande des Zeppelinfeldes in Nürnberg sollte die ganze Wucht des nationalsozialistischen Regimes verkörpern, winzig klein sollte man sich beim Betreten fühlen, eingeschüchtert von einer überwältigenden seelenlosen Architektur. Hitler stellte sich vor, dass ihm bei NS-Parteitagen bis zu 50.000 Menschen zujubeln würden, beeindruckt von propagandistischen Phrasen und einer bombastischen Kulisse.

Kongresshalle der NSDAP auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, Luftansicht
Knapp 40 Meter hoch ist das Gebäude - mit Dach wären es 70 Meter gewordenBild: Norbert Probst/imagebroker/imago images

Symbol für das Scheitern des nationalsozialistischen Größenwahns

Daraus ist nichts geworden. Wie bei vielen anderen geplanten Monumentalbauten der Nazis reichten letztendlich das Geld und die Arbeitskräfte nicht aus, um diese Pläne zu verwirklichen - der Zweite Weltkrieg verschlang alle Ressourcen.

So wurde aus der riesigen Kongresshalle letztendlich ein gigantischer Innenhof, umrahmt von knapp 40 Metern hohen Ziegelsteinmauern, der ein wenig an antike Kampfarenen erinnert. Ein Torso - ein Symbol für das Scheitern des nationalsozialistischen Größenwahns. Mit Prora auf Rügen zählt es zu den größten erhaltenen Monumentalbauten aus der NS-Zeit.

"Ein neuer, mutiger Weg"

Nun also sollen Oper und Ballett des Nürnberger Staatstheaters dort einziehen. Und zwar in den Innenhof des Torsos. Das wurde nun festgelegt, nachdem es verschiedene Vorschläge für die genaue Platzierung gab. Acht Architekturbüros waren beteiligt, einige von ihnen hatten spannende Vorschläge. So schlug ein Büro eine "Dekonstruktion der Postkartenkulisse" vor - und zwar mit einem Bau der Oper auf dem südlichen Kopfbau - als sogenanntes "Störbild" - was auch immer ihnen da vorschwebte. Zu abstrakt und zu spektakulär, meinte die Jury allerdings und entschied sich für den Entwurf im Inneren des Hufeisens. So könnte auch eine vorübergehende Dachkonstruktion bei Bedarf den Innenhof überspannen und später wieder abgebaut werden. In dem U-förmigen Gebäude sollen Werkstätten, Proberäume und Büros eingerichtet werden.

Architektur | Nürnberg |  Kongresshalle des Reichsparteitagsgeländes, davor eine Bühne und Publikum eines Rockfestivals
Die Kongresshalle ist Kulisse des Festival-Blockbusters "Rock im Park"Bild: Daniel Karmann/dpa/picture-alliance

Sieben bis zehn Jahre werden für die Sanierung des 100 Jahren alten Opernhauses veranschlagt, und die muss spätestens im Jahr 2025 beginnen. Das Gebäude kann nach den Vorstellungen der Nürnberger Kulturbürgermeisterin Julia Lehner später weitergenutzt werden - als Kulturzentrum. Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König (CSU) begrüßte den Stadtratsbeschluss: "Nürnberg bestreitet mit der erweiterten kulturellen Nutzung dieses nie vollendeten Bauwerks einen neuen, einen mutigen Weg", erklärte er der Nachrichtenagentur dpa.

"Erinnerung darf nicht verwässert werden"

Dies alles klingt zunächst vielversprechend. Trotzdem rufen die Pläne, seitdem sie publik geworden sind, Kritiker auf den Plan: "Was mir Kopfschmerzen bereitet, ist die Frage, will man einen solchen Bau als schickes Kulturzentrum herrichten?", sagte der Leiter des NS-Dokumentationszentrums, Florian Dierl, im vergangenen Dezember der dpa. Die Kultur dürfe nicht die Funktion des Erinnerungsortes verwässern, betonte er. 

Historiker aus mehreren Vereinen meldeten sich zeitgleich in einem offenen Brief zu Wort, in dem es hieß, die Kongresshalle sei einer der wichtigsten Bauzeugen des Nationalsozialismus in Deutschland und keine beliebig nutzbare Immobilie.

Der Historiker Hans-Christian Täubrich ist der Ansicht, dass Opernvorstellungen und Sektempfänge auf diesem Gelände fehl am Platz sind: "Das würde einfach ablenken von dem Hauptaugenmerk, der nun einmal dieser Monstrosität gilt. Und weil diese Monstrosität einfach auch ein Synonym ist für all das Monströse, was in der NS-Herrschaft im deutschen Namen passiert ist", sagte er im Bayerischen Rundfunk.

Ewiger Zankapfel

Um die Nutzung des Gebäude-Torsos hat es immer wieder Streit gegeben. Schon in den ersten Nachkriegsjahren gab es dort Ausstellungen und Versammlungen, in den 1960er-Jahren wurde über den Umbau in ein Sportstadion nachgedacht. Seit 2001 ist im Nordflügel des Gebäudes das Dokumentationszentrum zum Reichsparteitagsgelände untergebracht.

Gebäude der Nürnberger Symphoniker, Eingang mit Treppe
Seit 1963 sind die Nürnberger Symphoniker im südlichen KopfbauBild: Wilfried Wirth/imageBROKER/picture alliance

Und bereits seit 1963 haben dort die Nürnberger Symphoniker ihren Sitz. Deren Intendant Lucius A. Hemmer findet die Idee, dass die Oper in die Nachbarschaft ziehen soll, "charmant", sagte er dem Online-Magazin "Nordbayern.de". Endlich komme Bewegung in die Diskussion um die Nutzung der Kongresshalle. Denn an diesem Gebäude sei nichts richtig zu Ende gedacht worden: "Man weiß bis heute immer noch nicht so richtig: Ist das nun ein Gedenkort oder sollen wir das Gebäude erschließen? Ist das eine Ruine, ein Mahnmal, ein Museum oder doch ein Veranstaltungsort, zu dem ich gehe?"

Kultur soll Geschichte thematisieren

Diese Frage hat sich bei vielen Nazi-Bauwerken gestellt. Und sie wird sich weiter stellen. Denn der Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus ist in Deutschland nach wie vor ein sensibles Thema. Der Erinnerungskultur wird viel Bedeutung beigemessen. Einem solchen Ort durch Umnutzung seine Geschichte zu nehmen, ist in den Augen der Kritiker unverantwortlich.

Vorstellbar aber wäre es, wenn die Oper sich in ihren Programmen mit dem Ort auseinandersetzt. Kultur bietet viele Chancen, sich mit Geschichte - vor allem mit der NS-Vergangenheit - auseinanderzusetzen, anstatt sie auszublenden.

Dieser Artikel wurde nach dem Beschluss des Nürnberger Stadtrats vom 20. Juli 2022 aktualisiert.

Wuensch Silke Kommentarbild App
Silke Wünsch Redakteurin, Autorin und Reporterin bei Culture Online