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PanoramaGlobal

Handys als Spielzeug stören die Entwicklung von Kleinkindern

23. August 2023

Kleinkinder sollten möglichst gar nicht mit dem Handy spielen, denn das wirkt sich sehr negativ auf die Entwicklung von Sprache, Motorik und sozialen Fähigkeiten aus.

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Ein Kleinkind mit Handy am Ohr
Kinder unter zwei Jahren sollten überhaupt keine Zeit an Smartphones und Tablets verbringen. Bild: Emmanuel Lavigne Camille Pasquet/Zoonar/picture alliance

Das Baby freut sich über die bunten Bilder oder quengelt rum und gleich kriegt es das Handy in die Hand gedrückt. Das ist ein bequeme, aber sehr schlechte Idee. Smartphones sind kein Babysitter. Kleinkinder sollten möglichst gar nicht mit einem Handy oder Tablet spielen, weil es sich sehr negativ auf die Entwicklung auswirken kann.

In den frühen Jahren ist die physische, emotionale und kognitive Entwicklung von großer Bedeutung, zu viel Bildschirmzeit kann die Entwicklung von Sprache, Motorik und sozialen Fähigkeiten beeinträchtigen.

Das zeigt sehr eindrucksvoll eine neue Studie aus Japan, für die die Entwicklung von 7097 Kindern über einen längeren Zeitraum ausgewertet wurde. Wenn Kleinkinder im Alter von einem Jahre täglich ein bis vier Stunden auf den Bildschirm starren, dann haben sie im Alter von zwei Jahren bereits ein bis zu dreimal höheres Risiko für Entwicklungsverzögerungen in den Bereichen Kommunikation, Feinmotorik, Problemlösung sowie persönliche und soziale Fähigkeiten.

Smartphones sind für Kleinkinder ungeeignet

Ursache für die Entwicklungsverzögerung ist unter anderem, dass den Kindern durch die Tablets und Smartphones der Antrieb für die Sprachentwicklung genommen wird. "Kinder lernen zu sprechen, wenn sie zum Sprechen ermutigt werden, aber wenn sie nur auf den Bildschirm schauen, haben sie oft keine Gelegenheit, das Sprechen zu üben", so Dr. John Hutton, Professor für allgemeine und Gemeindepädiatrie am Cincinnati Children's Hospital Medical Center, der nicht an der Studie beteiligt war.

Zu viel Zeit vor Bildschirmen kann dazu führen, dass Kleinkinder seltener mit Gleichaltrigen und Erwachsenen interagieren, was für ihre soziale Entwicklung wichtig ist. Denn echte Menschen sind vielschichtiger als Figuren auf einem Bildschirm, so Hutton. Wenn wir in die Gesichter von Menschen schauen, schaltet sich unser Gehirn ein, um herauszufinden, wie wir mit ihnen interagieren können.

Wenn sich Kleinkinder mit Smartphones beschäftigen, ersetzt dies oftmals das aktive Spielen, Erkunden und kreative Denken, das für die kognitive Entwicklung entscheidend ist. Zudem neigen Kinder dann eher zu Bewegungsmangel und sie können ihre motorischen Fähigkeiten nicht trainieren.

Die Interaktivität von Smartphones und Tablets hat außerdem Suchtpotenzial und kann Kinder von anderen wichtigen Aktivitäten ablenken.

Was empfehlen Experten?

Kleinkinder reagieren zwar auf das bunte Flimmern, aber sie verstehen nicht, was sie sehen. Denn ihr Gehirn kann das Gesehene noch nicht verarbeiten. Kleinkinder brauchen für ihre Entwicklung keine digitalen Medien.

Kinder unter zwei Jahren sollten überhaupt keine Zeit an Smartphones und Tablets verbringen. Kinder zwischen drei und sechs Jahren sollten höchstens 30 bis 60 Minuten pro Tag am Bildschirm sein.

Und auch vermeintlich altersgerechte Inhalte sind oftmals nicht wirklich geeignet, erläutert Kinderarzt Hutton: "Ein Problem bei einigen Online-Inhalten für Kinder ist, dass Eltern sie für lehrreich halten, weil sie als solche vermarktet werden und viele Informationen über das Alphabet, Farben, Zahlen oder Tiere enthalten, die ihre Kinder sehen und hören können", so Kinderarzt Hutton. "Aber was das Lernen ankurbelt, sind Inhalte, die den Kindern helfen, ihr Wissen über das Auswendiglernen hinaus anzuwenden - damit sie sich in der realen Welt zurechtfinden, in der die Dinge unvorhersehbarer sind und mehr Kreativität und Belastbarkeit erfordern", so Hutton weiter.

Nichts ersetzt menschliche Nähe

Wichtig für die frühkindliche Entwicklung ist vor allem die Nähe zu Menschen, die sie beobachten können, die mit ihnen spielen und sprechen. Und sie müssen sich bewegen und ausprobieren können, um die Welt zu erleben und Erfahrungen zu sammeln.

Wenn das aber nicht möglich ist und ein Kleinkind beschäftigt werden muss, etwa um selber mal etwas erledigen zu können oder um einfach mal eine Auszeit zu haben, dann sind Malzeug, Spielzeug oder Bücher definitiv die bessere Wahl als ein Smartphone.

Alternativ können Kleinkinder auch aktiv in das Alltagsgeschehen einbezogen werden. Denn für die frühkindliche Entwicklung ist es von großem Vorteil, wenn sie eingebunden werden, wenn sie erzählt bekommen, was man gerade macht, woran man arbeitet, was man kocht oder erledigt.

Auch aus Langeweile entsteht Kreativität

Selbst Kleinkinder bemerken, wie wichtig Smartphones und Tablets für Erwachsene sind. Und Kinder neigen dazu, das nachzuahmen, was sie sehen. Insofern sollten auch Eltern mit gutem Beispiel vorangehen und in Anwesenheit der Kleinkinder selber nicht zu viel Zeit am Bildschirm verbringen.

"Fachleute raten, eine anhaltende, absorbierte Nutzung in Anwesenheit des Kindes zu vermeiden und sich bewusst zu machen, dass auch Eltern das Ausmaß ihrer kognitiven Absorption tendenziell unterschätzen. Sinnvoll ist es bestimmt, stark absorbierende Tätigkeiten auf dem Smartphone in Anwesenheit des Kindes zu vermeiden, wie beispielsweise Spiele zu spielen, Filme zu schauen oder Mails zu beantworten", heißt es in einer schweizerischen Studie von 2021.

Wenn quengelnde Kinder gleich ein Handy oder Tablet in die Hand gedrückt bekommen, verhindert dies zudem einen wichtigen Entwicklungsschritt, nämlich die Fähigkeit, mit Unbehagen umzugehen.

"Wenn man ihnen erlaubt, sich eine Sekunde lang zu langweilen, fühlen sie sich ein wenig unwohl, aber dann sagen sie: 'Okay, ich will es mir bequemer machen. Und so entsteht Kreativität", erläutert Kinderarzt Hutton vom Cincinnati Children's Hospital Medical Center.

DW Mitarbeiterportrait | Alexander Freund
Alexander Freund Wissenschaftsredakteur mit Fokus auf Archäologie, Geschichte und Gesundheit@AlexxxFreund