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Fidel Castros Kuba der Parallelwelten

DW Quadriga 28.04.2016 - Amir Valle
Amir Valle
13. August 2016

Die kubanische Regierung feiert Fidel Castros 90. Geburtstag wie einen Erfolg der Revolution. Aber auch dieser exzessive Personenkult kann die Desillusionierung des kubanischen Volkes nicht verdecken, meint Amir Valle.

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Kuba Havanna Tourismus Plakat Fidel Castro
"Sozialismus oder Tod" - solche Parolen prangen bis heute auf Kuba. Die Wirtschaft ist dagegen völlig marode.Bild: picture alliance/ZB/J. Büttner

Vor Jahrzehnten gründete Fidel Castros Leibarzt den "Club der 140 Jahre" um zu beweisen, dass ein Mensch mit der richtigen Lebensweise älter werden könne als die biblischen Anführer der Israeliten, die ihr Volk ins gelobte Land führten. Von allen Mitgliedern hat nur Castro überlebt. Und damit den Mythos geschaffen, er sei der Messias, den Kuba brauchte um die Insel vor einem System zu retten, das die Armen ausschloss.

Aber nun wird er 90 Jahre alt, ohne je die Versprechen erfüllt zu haben, die er 1953 in seiner berühmten Rede "Die Geschichte wird mich freisprechen" gemacht hat - nach seiner Verurteilung wegen der Erstürmung der Moncada-Kaserne. Versprechungen, die nach dem Sieg der Revolution 1959 sogar in deren Programm einflossen. Aber weder dieses Programm noch die famosen Reformen, mit denen sein Bruder Raúl Jahrzehnte später den wirtschaftlichen und sozialen Niedergang der Insel abwehren wollte, haben ihr Ziel erreicht. Sie existieren nur im Reich einer populistischen Demagogie, die es trotz ihrer offensichtlichen Fehlschläge immer noch schafft, die Welt zu täuschen. Nur eben die Kubaner nicht.

Die Revolutionäre vererben ihre Macht

Niemand weiß, wie oder wann diese "Reformen" etwas bewirken sollen. Klar ist nur eines: Die Macht der Revolutionäre wird an linientreue Erben weitergegeben, die Neo-Castristen. Und dieser Übergang vollzieht sich beschämenderweise unter Beihilfe demokratischer Nationen. Unter dem Deckmäntelchen des politisch Korrekten verhandeln sie ihre eigenen wirtschaftlichen und strategischen Interessen mit Kuba und machen sich damit zu Komplizen einer Regierung, deren Kompromisslosigkeit sie sehr wohl kennen. Es ist eine Regierung, die die Kubaner dazu verdammt in Parallelwelten zu leben.

Da sind auf der einen Seite die Zugeständnisse, die US-Präsident Obama in der Hoffnung machte, die wirtschaftliche Öffnung Kubas sei ein erster Schritt auf dem Weg zu einem gesellschaftlichen Wandel. Da sind Russlands wiederholte Anläufe, seine strategische Position in der Region mit Kuba als Basis zurückzuerobern. Und da ist die Flut von wirtschaftlichen Kooperationsvorschlägen aus der Europäischen Union. Alles Folgen der Wiederannäherung zwischen den USA und Kuba.

27.11.2014 DW Quadriga Amir Valle
Amir Valle, geboren 1967 in Guantánamo, ist kubanischer Schriftsteller, Journalist und Literaturkritiker. Seit 2006 lebt er im Exil in Deutschland.

Aber auf der anderen Seite ist da weiterhin die Verzweiflung des Volkes über das Ausbleiben der dringend notwendigen, echten wirtschaftlichen Reformen. Da sind die Ängste vor einer neuen Versorgungskrise wie in den 90er Jahren, den massiv ansteigenden Steuern und den bürokratischen Auflagen, die den Erfolg der kleinen Unternehmen bremsen. Da ist die immer massivere Unterdrückung der wachsenden Opposition, die mehr als ein Dutzend Dissidenten in einen Hungerstreik getrieben hat, um die Brutalität gegenüber friedlichen Demonstranten anzuprangern. Die Hoffnungslosigkeit spiegelt sich wider in der Verdreifachung der Menschen, die von ihrer Insel fliehen.

Schwindender Glaube an den Messias Castro

Viele Kubaner verstehen nach wie vor nicht, in welchem Land sie eigentlich leben. Aber noch weniger verstehen sie die Haltung Europas gegenüber ihrer Regierung. Dass eine französische Firma den Zuschlag für den Betrieb des Hauptstadtflughafens bekommt, Deutschland aber kein Goethe-Institut einrichten darf, ist für sie ein Widerspruch. Kuba stellt angesichts einer wachsenden ökonomischen Präsenz der Europäischen Union Bedingungen für deren kulturelle Präsenz. So etwas wäre umgekehrt mit keinem der Castros zu machen.

Die Unzufriedenheit der Kubaner zeigt sich in vielen unabhängigen Blogs und Artikeln einer neuen Generation unabhängiger Journalisten, die in Fidel Castros Geburtstag gewiss keinen Anlass für kostspielige Feiern sehen. Aber natürlich gibt es auch die Volksmusikgruppe, die eine Ballade für den ältesten Diktator der Welt geschrieben hat. Wie eine Hymne wird dieses Lied auf allen Sendern und über alle Lautsprecher auf allen Marktplätzen in diesen Tagen wieder und wieder gespielt. Auf einer Insel, die immer weniger an den Messias glaubt.

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