1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Musik

ESC: Tadschikin Manizha singt für Russland

18. Mai 2021

Ihren Song für den ESC bezeichnet Manizha als Manifest - gegen Vorurteile und für mehr Frauenrechte. Die selbstbewusste Sängerin polarisiert und fasziniert.

https://p.dw.com/p/3tUPA
Manizha steht in einem Raum mit einem Klavier und Postern von Schlagzeugen
"Russian Woman" von heute: ManizhaBild: Kirill Kudryavtsev/AFP/Getty Images

Russland ist für Überraschungen gut - jedenfalls, wenn es um den ESC geht: Mal schickte man das Großmütter-Folklore-Ensemble "Buranovskije Babuschki" ins Rennen, mal den weichgespülten Sergey Lazarev ohne Ecken und Kanten. Letztes Jahr avancierte die Petersburger Rave-Band "Little Big" trotz Absage des Wettbewerbs zu einem Klick-Wunder im Netz. Jetzt bringt Russland die nächste heiße Kandidatin an den Start: Manizha.

Ihr ESC-Beitrag "Russian Woman" wurde schon über zehn Millionen Mal angeschaut, sammelte über 280.000 Likes und über 170.000 Negativreaktionen. "Dieses Lied ist ein Monolog von Manizha, ihre Erzählung davon, was sie durchgemacht hat", so die Sängerin über sich selbst in dritter Person in einem exklusiven DW-Interview kurz vor ihrem Auftritt in Rotterdam. In Russland sorgte die Nominierung der geborenen Tadschikin mit "sanft feministischem Ansatz" - so ihre eigene Definition - für viel gesellschaftliche Polemik und einen Shit-Storm aus dem nationalistischen Lager. 

Wer ist diese Frau und warum erhitzt sie so die Gemüter?

Frauenpower als Familientradition

Die heute 29-Jährige wurde als Manischa Chamrajewa in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe geboren und kam im Alter von zwei Jahren nach Moskau. Ihre Eltern waren 1994 vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat geflohen. Manizha studierte Psychologie in Moskau und arbeitete später in London und New York an ihrer Stimme.

Sie schreibt ihre Songs selbst und spricht offen über in der russischen Gesellschaft eher verdrängte Themen wie häusliche Gewalt und Xenophobie. Letztere kennt sie aus eigener Erfahrung: Fremdenfeindlichkeit gehört zum Alltag der zahlreichen zentralasiatischen Migrantinnen und Migranten in Russland. Nach unterschiedlichen Schätzungen leben zwischen 18 bis 22 Millionen Arbeitsmigranten aus Usbekistan, Kirgisien, Turkmenistan und Tadschikistan in Russland, meist in Großstädten. Sie schlagen sich als Bauarbeiter, Straßenverkäufer, Putzkräfte oder Taxifahrer durch, haben selten offizielle Papiere und sind in der russischen Gesellschaft ganz unten angesiedelt.

Duschanbe, Hauptstadt von Tadschikistan, aus der Vogelperspektive
"Die Berge haben mich geprägt", sagt Manizha. In ihrer Heimatstadt Duschanbe sind sie immer zu sehen.Bild: Getty Images/AFP/E. Feferberg

Die meisten kommen aus ländlichen Gegenden und bildungsfernen Schichten, in den Familien herrschen oft patriarchale Traditionen. Manizhas Familie ist in dieser Hinsicht eher untypisch: Ihre Familie gehörte zur intellektuellen Elite ihres Landes. Stolz ist die Sängerin auf ihre Urgroßmutter, die, so die Überlieferung, als erste Frau in Tadschikistan das Kopftuch ablegte. Manizhas Mutter studierte Atomphysik, der Vater ist Arzt.

Schlüsselfigur im Leben der Sängerin aber ist ihre Großmutter, deren Nachnamen "Sangin" die Sängerin nach der Scheidung ihrer Eltern auch angenommen hat. Die Oma hatte als erste die große Begabung ihrer Enkelin erkannt und gefördert und auch die Gesangsstunden des Mädchens mitfinanziert.

"Nach der Flucht kamen wir in Moskau praktisch nur mit dem an, was wir am Leib trugen, oder sogar weniger", erinnert sich Maniszha. "Über längere Zeit haben wir sehr arm gelebt. Wir waren ja fünf Kinder. Es gab nur zwei unverzichtbare Dinge: Essen und Bildung." In einem der frühen Interviews für tadschikische Medien bezeichnete sich die Sängerin als ein "einziges Kunstprojekt" ihrer Mutter und Großmutter: "In unserer Familie bestimmen alles die starken Frauen, das liegt wohl in den Genen."

Eine moderne russische Frau 

Mit sieben Jahren begann Manizha, eigene Songs zu komponieren, als Teenager schnitt sie ihre ersten, recht unbeholfenen Videoclips. Von sich reden machte Manischa Sangin 2018 mit dem Album "Manuskript". Da hatte sie schon ihr zentrales Thema gefunden: das Selbstverständnis einer jungen Frau in einer widersprüchlichen Gesellschaft zwischen Patriarchat und Moderne. 

Nach dem ersten Erfolg folgten diverse öffentlichkeitswirksame Auftritte und Aktionen. Unter anderem wurde die junge Frau, die stolz auf ihre Kurven ist, zum Gesicht einer "body-friendly"-Kampagne eines Kosmetik-Herstellers. Als ehemaliges Flüchtlingskind avancierte Manizha zur UN-Botschafterin in Flüchtlingsfragen. Sie solidarisierte sich mit der russischen LGBTQ-Gemeinde und nahm die damit verbundenen Anfeindungen in Kauf. Vor allem aber setzte sie ihren Weg als Künstlerin fort.

Manizha mit ihrem Eurovision-Team auf der Bühne
Eine Befreiungsaktion: Manizha mit ihrem Eurovision-TeamBild: Patrick van Emst//AFP/Getty Images

Ihre Texte schreibt Manizha auf Russisch, Tadschikisch und Englisch. Auf Nachfrage russischer Medien, ob sie sich eher als eine aus Tadschikistan stammende Russin oder als Tadschikin mit einem russischen Pass fühle, antwortete die Sängerin, dass sie gerade die doppelte Verortung im slawischen wie im tadschikischen Kulturkontext als ihre eigentliche Identität sehe. Um den russischen Pass musste Manizha übrigens lange kämpfen; sie erhielt ihn erst vor kurzem.

In ihrem ESC-Beitrag "Russian Woman" geht es jetzt um die moderne russische Frau - eine, die nichts geschenkt bekommt und die ihren Weg souverän und entschlossen meistert, trotz aller Hindernisse und den Vorurteilen der Gesellschaft: "Eigentlich ganz hübsch, sollte aber abnehmen"/ "Wie, schon fast dreißig - und wo bleiben die Kinder?"/ "Vaterlos aufgewachsen, deswegen treibt sie sich rum" – so lauten einzelne Textpassagen aus "Russian Women".

Einige Kritiker werfen Russland Kalkül vor. Manizha wäre genau das, was Europa heute gerne sieht, sie steht für Themen wie Diversität, die Me-Too-Bewegung, für die Würde der Frau generell.

Ob Kalkül oder nicht: Schon vor dem Auftritt in Rotterdam hat Manizha für Diskussionen gesorgt, die die russische Gesellschaft dringend braucht.