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PolitikMosambik

Nordmosambik: Vergewaltigung als Mittel der Kriegsführung

Antonio Cascais
13. Juli 2024

In Cabo Delgado sind Entführungen und Zwangsverheiratungen an der Tagesordnung. Minderjährige würden entführt und systematisch gezwungen, Terroristen zu heiraten, sagen NGOs.

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Männer, Frauen und Kinder, die ihre Habseligkeiten auf dem Kopf tragen, gehen einen Weg entlang
Islamistische Gewalt verursachte in den vergangenen acht Jahren eine Flüchtlingskatastrophe in Cabo Delgado. Hauptleidtragende sind Kinder.Bild: Alfredo Zuniga/AFP

"Hier, in dieser Gegend gibt es viele Mädchen, die entführt und gezwungen wurden, Terroristen zu heiraten", so die Worte der 17-jährigen Telma aus dem Bezirk Chiúre in der nordmosambikanischen Provinz Cabo Delgado. In ihrer Heimatregion tobt seit Oktober 2017 ein heftiger Krieg zwischen einer dem IS nahestehenden Terrorgruppe und mosambikanischen Sicherheitskräften sowie deren Unterstützern. Telma weiter: "In unserer Nachbarschaft wohnt ein Mädchen, das es nach drei Jahren Gefangenschaft geschafft hat, den Terroristen zu entkommen und zu ihrer Familie zurückzukehren. Die meisten kommen aber nie wieder zurück. Die Dschihadisten entführen auch ganz junge Mädchen. Sie wachsen bei den Terroristen auf, bis sie geschlechtsreif sind. Und dann werden sie zum Sex gezwungen und müssen Kinder gebären."

Ein Babybauch wölbt ein zerschlissenes hellblaues T-Shirt mit Blumenaufdruck
Die Dschihadisten nutzen Entführungen und Vergewaltigungen als Mittel der Kriegsführung, sagen NGOsBild: DW

Telmas Ausführung ist eine von Hunderten Zeugenaussagen, die von Mitarbeitern verschiedener Hilfsorganisationen in Nordmosambik zusammengetragen und ausgewertet wurden. Das Ergebnis der Feldarbeit wurde in einem aktuellen Bericht über "erzwungene Kinderehen in Cabo Delgado" zusammengefasst, der kürzlich von Save The Children Mosambik herausgegeben wurde.

"Das Problem der Zwangsverheiratung minderjähriger Mädchen gab es schon vor dem Krieg, aber es wurde lange tabuisiert. Die Hintergründe sind kultureller und sozialer Art", sagt Paula Sengo Timane, eine der Autorinnen des Berichts, im DW-Gespräch. "Seit Beginn des Terrors hat sich das Problem aber dramatisch verschärft. Wir müssen etwas dagegen tun."

Zehn Prozent mehr Kinderehen

Laut der an der Studie beteiligten Nichtregierungsorganisationen hat die Eskalation des Konflikts in Cabo Delgado im Jahr 2023 zu einem Anstieg der Kinderehen um 10 Prozent geführt. Paula Sengo Timane befürchtet, dass diese Zahl weiter steigen könnte. Der Krieg, der in weiten Teilen der Provinz Cabo Delgado tobe, verhindere, dass Kinder in den besonders umkämpften Gebieten den notwendigen Schutz und die notwendige Unterstützung erhalten.

Timane appelliert an eine rasche Beilegung des Konflikts in Cabo Delgado und fordert zusätzliche Mittel zur Bereitstellung von Pflege und Unterstützung für Kinder. Ist es möglich, dass NGOs wie Save the Children in den vom Terrorismus betroffenen Gebieten, wie den Distrikten Macomia, Palma oder Mocímboa da Praia, weiterhin Hilfe leisten? "Es ist nicht unmöglich, aber sehr schwierig und herausfordernd", so Timane. Solange die Sicherheitslage schwierig sei, hätten die Hilfsorganisationen oft keinen Zugang zu den umkämpften Gegenden und damit zu den gefährdeten Kindern. Es sei praktisch unmöglich, zu den betroffenen Menschen zu reisen und in diesen Gebieten zu arbeiten.

"Enführungen und Vergewaltigungen haben System"

"Wir haben im Laufe unserer Feldarbeit festgestellt, dass die Dschihadisten Entführungen, Vergewaltigungen und Zwangsheiraten systematisch als Mittel der Kriegsführung einsetzen", so Timane. Das Ziel der Extremisten sei es, die Bevölkerung in "Angst und Schrecken" zu versetzen: "Sie wollen damit ihre Macht über die Familien demonstrieren und auch psychologisch an Boden gewinnen. Das ist eine wichtige Komponente der Kriegsführung solcher Gruppen, auch in anderen Gegenden der Welt."

Die Save-The-Children-Mitarbeiterin Paula Sengo Timane sitzt mit lokalen Bewohnern der nordmosambikanischen Unruheprovinz Cabo Delgado im Schatten eines Baumes
Paula Sengo Timane (ganz rechts, mit Laptop) hat teils verstörende Berichte der lokalen Bevölkerung zum Umgang der Terroristen mit Mädchen und jungen Frauen gesammeltBild: Save the Chidren

Das Problem habe aber auch eine Komponente, die in der sozialen und soziokulturellen Lage, die derzeit im Kriegsgebiet herrsche, begründet sei: "Die wirtschaftliche und soziale Situation ist katastrophal. In diesem Kontext haben wir vereinzelt auch Fälle von Eltern dokumentiert, die von sich – in vorauseilendem Gehorsam - entschieden haben, ihre minderjährigen Töchter mit Angehörigen der Terroristen zu verheiraten", so die Autorin der Studie.

"Uns wurde von Eltern erzählt, die ihre Töchter von sich aus den Terroristen regelrecht angeboten haben. Diesen Eltern ging es dabei meistens um die Mitgift, also ums Brautgeld, auf das sie in ihrer Not angewiesen waren, um ihre restliche Familie zu ernähren, insbesondere weil der Krieg in den vergangenen Jahren die meisten Einkommen im Kriegsgebiet radikal reduziert hat", erklärt Paula Sengo Timane unter Berufung auf lokale Zeugenaussagen.

Ein Soldat steht am Rand einer Straße, auf der Fußgänger unterwegs sind
Mosambikanische Militärs zeigen im Distrikt Palma in der Unruheprovinz Cabo Delgado PräsenzBild: Delfim Anacleto/DW

In einigen Fällen sei für die betroffene Eltern gleichzeitig auch der Sicherheitsaspekt von Bedeutung gewesen: "Manchen Eltern ging es auch darum, ihre Töchter einem Mann zu übergeben, der die Mädchen eventuell vor Vergewaltigungen und Entführungen anderer Terroristen schützt."

Verheerende Auswirkungen des Krieges

Die Welle von Angriffen in Cabo Delgado seit Januar dieses Jahres hat zur Schließung von nahezu allen Schulen in den umkämpften Gebieten geführt und mehr als 22.700 Kindern das Lernen unmöglich gemacht. Paula Sengo Timane weist darauf hin, dass junge verheiratete Mädchen deutlich geringere Chancen auf einen Schulabschluss haben. Außerdem seien sie einem höheren Risiko für körperliche und sexuelle Gewalt ausgesetzt, sowie einem erhöhten Risiko für Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt.

Frauen kochen unter freiem Himmel auf offenem Feuer, im Hintergrund viele weitere Menschen
Seit Ende des letzten Jahres wurden in Cabo Delgado mehr als 189.000 Menschen gezwungen, ihre Häuser zu verlassenBild: Igor G. Barbero/MSF

In der aktuellen von Save the Children herausgegebenen Studie über "erzwungene Kinderehen in Cabo Delgado" heißt es, dass immer mehr Kinder in der Region die Besorgnis äußern, dass sie selbst Opfer diese Art von Gewalt werden könnten. "Wir haben dokumentiert, dass die Kinder, und vor allem die Mädchen in den besonders umkämpften Gebieten zum Teil schwer traumatisiert sind und psychologische Betreuung benötigen", sagt die Autorin des Berichts Paula Sengo Timane.

Der Krieg gegen den dschihadistischen Terror in Cabo Delgado geht bereits seinem achten Jahr ohne absehbares Ende entgegen. Gemäß den Juni-Daten der Vereinten Nationen wurden seit Ende des letzten Jahres mehr als 189.000 Menschen gezwungen, ihre Häuser zu verlassen, was die größte Vertreibung seit Beginn des Konflikts darstellt. Seit 2017 wurden über 4000 Menschen getötet und mehr als 700.000 Menschen vertrieben, beklagen die NGOs.

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