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Boulevardmedien für Osteuropa

Andreas Noll13. Mai 2004

In Polen hat der Springer-Verlag mit dem Sensationsblatt "Fakt" die Zeitungsbranche aufgeschreckt. Doch auch in anderen osteuropäischen Staaten macht der Boulevard der seriösen Presse das Leben zunehmend schwer.

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Wollen wirklich alle nur das eine Blatt?Bild: dpa

Die Europäische Union ist ein anspruchsvoller Club. Wer ihm beitreten will, muss nicht nur 80.000 Seiten Regeln und Verträge übernehmen, sondern auch genau definierte demokratische Voraussetzungen erfüllen. Presse- und Meinungsfreiheit stehen da ganz oben. Doch die Pressefreiheit in der Verfassung zu verankern, ist das eine, sie mit Leben zu füllen das andere. Im ostfranzösischen Nancy diskutierten Anfang Mai 2004 über 120 Studenten und Experten aus vielen Staaten Europas über die Situation der osteuropäischen Medien nach der EU-Osterweiterung.

"Fakt" statt "Bild"

Noch würde Dobrawa Szymlik Polens beliebte Boulevardzeitung "Fakt" nicht freiwillig in die Hand nehmen: "Von meinen Bekannten höre ich, dass sie mit der Qualität nicht zufrieden sind und die jungen Leute schmunzeln über diese Zeitung. Sie ist einfach eine Sensationszeitung", sagt die polnische Studentin.

Seit knapp einem halben Jahr ist "Fakt", die vom deutschen Axel-Springer-Verlag produzierte polnische Version der "Bild"-Zeitung an den Kiosken zu kaufen. Schon jetzt gilt sie als feste Größe in der polnischen Medienlandschaft. Ihre Berichterstattung ist aggressiv und populistisch, die Artikel kurz und meinungsstark. Bereits sieben Wochen nach dem Start verkaufte "Fakt" täglich rund 300.000 Exemplare. Neben dem Kampfpreis von umgerechnet 30 Cents ist wohl auch die deutsch-kritische Berichterstattung für den Erfolg verantwortlich. "Nehmen die Deutschen unseren Bauern das Land weg?", fragt "Fakt" schon mal betont unschuldig.

Das Massenpublikum anziehen

Doch nicht nur in Polen erobern Boulevardblätter die Leserschaft im Sturm. Auch in anderen postkommunistischen Ländern Osteuropas macht Boulevardjournalismus der seriösen Berichterstattung zu schaffen. Petr Uhl schreibt als Kolumnist für die Prager Zeitung "Pravo" und beobachtet diese Tendenz schon seit ein paar Jahren: "Das Problem in der tschechischen und auch der slowakischen Republik ist vor allem, dass sich die seriösen Medien der Boulevardpresse anpassen. Bei der starken Konkurrenz wollen sie, dass ihre Tageszeitung, ihr Radio- oder TV-Sender das Massenpublikum anzieht."

Auch die "Pravo" müsse immer mehr für dieses Publikum schreiben und setze daher zunehmend auf boulevardeske Berichterstattung, sagt Uhl. Er kenne in seinem Land lediglich noch eine Wirtschaftszeitung, die sich diesem Trend erfolgreich widersetzt habe. Weil die Vereinfachung bei Themen mittlerweile weit fortgeschritten sei, sieht der Journalist sogar Meinungsfreiheit und -vielfalt in Tschechien in Gefahr. Man brauche schließlich mehr als ein großes Foto und eine anklagende Schlagzeile, um Skandale, Betrug und Bestechung aufzuarbeiten.

Im demokratischen Medienmarkt angekommen

Die Krise der Qualitätspresse in Osteuropa wird vor allem mit wirtschaftlichen Zwängen begründet. Die Zeitungen müssten am Markt erfolgreich sein, und das seien sie zurzeit eben mit dem Boulevardjournalismus, meint Barbara Thomaß, Osteuropa-Expertin an der Universität Bochum: "Auch wenn es sich paradox anhört, kann man diese Boulevardisierung, die Sensationalisierung und Personalisierung positiv bewerten, weil das bedeutet, dass diese Demokratien im demokratischen Medienmarkt ankommen. Das ist der ganz normale Kapitalismusmarkt."

Die Boulevardisierung, da ist sich die Professorin sicher, stelle in den neuen EU-Mitgliedstaaten Osteuropas nicht die Kontrollfunktion der Medien gegenüber der Politik in Frage. Zwar werde bei öffentlich-rechtlichen Sendern immer noch von Politikern versucht, Einfluss zu nehmen. Doch die Presse als vierte Gewalt werde von den jeweiligen Regierungen akzeptiert.