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Amitav Ghosh zur Klimakrise: "Alles ist im Wandel"

David Levitz
1. August 2021

Die Klimakrise liegt dem preisgekrönten indischen Schriftsteller am Herzen. Auch sein neuestes Buch "Jungle Nama" handele davon, sagte Amitav Ghosh im DW-Interview.

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Porträt des Schriftstellers Amitav Ghosh in schwarzem, kragenlosen Hemd
Geboren 1956 in Kalkutta, lebt Amitav Ghosh heute in New YorkBild: Imago Images/Leemage/L. Cendamo

Amitav Ghosh ist einer der wenigen weltweit bekannten Schriftsteller, der sich in seinen Büchern mit der globalen Klimakrise auseinandersetzt. Zu den Romanen des preisgekrönten indischen Autoren gehören "Der Glaspalast" (2006) und "Das mohnrote Meer" (2009). Sein neuestes Werk "Jungle Nama" handelt von menschlichem Profitstreben, den Kräften der Natur - und wie wichtig das Gleichgewicht zwischen beiden ist. Zum Interview erreichten wir Amitav Ghosh in seinem Haus in New York, wo er seit vielen Jahren lebt.

DW: Herr Ghosh, Sie schreiben seit Jahren mit großem Engagement über den Klimawandel. In der vergangenen Woche gab es tödliche Überschwemmungen in Asien und Europa, Waldbrände und Hitzewellen in Nordamerika - was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Amitav Ghosh: Zunächst einmal denke ich, dass ich eher über die Realität schreibe, die wir heute erleben als ausschließlich über den Klimawandel. Ich denke, dass der Klimawandel nicht nur die eine Sache ist - Klimawandel bedeutet "alles im Wandel", wie schon Margaret Atwood sagte. Diese Überschwemmungen und die anderen klimatischen Ereignisse auf der ganzen Welt zeigen uns, dass in diesen Zeiten alles im Wandel begriffen ist.

Sie leben in den Vereinigten Staaten, stammen ursprünglich aus Indien, und Ihre Bücher spielen in Südasien, in Regionen, die schon seit einiger Zeit von Überschwemmungen betroffen sind. Sie schreiben aber auch über die Unterschiede zwischen den reichen, westlichen Ländern und den Entwicklungsländern. Glauben Sie, dass die Ereignisse der vergangenen Wochen ein Signal dafür sind, dass wir wirklich alle gemeinsam in dieser Klimakrise stecken?

Ja, auf jeden Fall. Es war interessant, wie in einem Interview aus einem der deutschen Überschwemmungsgebiete eine Frau sagte: "Wir erwarten nicht, dass so etwas in Deutschland passiert." Lange Zeit war das tatsächlich die Einstellung - dass diese Dinge woanders passieren. Wir erleben jetzt, dass das nicht der Fall ist. Diese Dinge passieren überall. In der Tat gibt es innerhalb Europas Länder, die mit am stärksten betroffen sind, und dazu gehört Italien.

Bei Ihrem neuesten Werk "Jungle Nama", illustriert von Salman Toor, handelt es sich um eine uralte Geschichte aus der Region Bengalen in Indien und Bangladesch. Sie erzählen in Versen die Legende der Waldgottheit Bon Bibi und einem gierigen Händler, der auf der Suche nach Honig ist. Was bedeutet diese Geschichte für uns heute?

Die Geschichte bringt den grundlegenden Konflikt des Klimawandels auf den Punkt: den Konflikt zwischen menschlichem Profitstreben und den Bedürfnissen aller anderen Lebewesen. Das ist bemerkenswert und das ist es, was mich umtreibt.

Worum geht es in der Geschichte?

Es geht um einen reichen Händler, der in den Wald geht, um zu erbeuten, was nur möglich ist. Dort gerät er in die Fänge eines Tigerdämons und schließt sozusagen einen Pakt mit diesem Dämon, ihm ein Mitglied seiner Gruppe zu überlassen. Aber dann greift die Gottheit Bon Bibi ein und rettet das Kind.

Buchcover von "Jungle Nama"
Neuerscheinung: "Jungle Nama" von Amitav GhoshBild: HarperCollins India

Sie haben sich in der Vergangenheit über die Darstellung der Klimakrise beklagt. Sind das übertriebene Science-Fiction-Märchen, vielleicht sogar "Nischen"-Geschichten? Wie sollten Künstler und Autoren den Klimawandel darstellen?

Ich weiß es nicht. Es ist nicht so, dass ich einem Schriftsteller Vorschriften mache. Das ist ganz und gar nicht der Fall. Ich denke, jeder Schriftsteller wird über diese Dinge auf seine eigene Weise schreiben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir von Schriftstellern verlangen, dass sie sozusagen Klimapropaganda betreiben. Ich denke nicht, dass das überhaupt funktionieren würde. Das steckt für mich nicht dahinter; das Einzige, was mich interessiert, was für mich als Schriftsteller eine Herausforderung darstellt, ist, über unsere Zeit zu schreiben, wie sie wirklich ist. Und wir können sehen, dass sich die Zeiten völlig verändert haben im Vergleich zu, sagen wir mal, vor 30 Jahren. Das ist es, worüber wir nachdenken sollten, worüber ich in meinen Werken nachdenken sollte.

Haben Sie Hoffnung, dass Autoren im Kampf gegen den Klimawandel etwas ausrichten können?

Realistisch betrachtet haben wir als Autoren nur sehr wenig Einfluss auf die Welt, also schreibe ich nicht mit dieser Absicht. Ich schreibe, weil ich schon immer über die reale Welt und die Welt, in der wir leben, geschrieben habe - ich finde das gehört zu unserem Narrativ.

Das Interview wurde aus dem Englischen übersetzt.