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"Eine Kultur des Todes"

Matthias von Hein26. November 2015

Was treibt junge Europäer in die Arme gewalttätiger Dschihadisten? Wie kann man das Abgleiten in Extremismus vermeiden? Die Jugend müsse das Scheitern ihres Dschihads erleben, sagt Islamwissenschaftler Olivier Roy.

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Symbolbild: Silhouetten von Mnnern mit Maschinengewehren (Foto: Colourbox/krbfss)
Bild: Colourbox/krbfss

Deutsche Welle: Was zieht junge Europäer am radikalen Islam, am Dschihadismus an?

Olivier Roy: Da herrscht eine Frustration gegenüber der Gesellschaft. Wir haben es hier mit einer rebellischen Jugend zu tun, die auf der Suche nach etwas ist, für das sie sich einsetzen kann. Dschihad ist das perfekte Anliegen: Wenn du in den Dschihad ziehst, wirst du ein Held. Du kommst in die Schlagzeilen der Zeitungen. Jeder wird von dir sprechen. Dass die Leute dich dann hassen, ist dir egal, weil du sie ja sowieso schon hasst. Auf dem Markt der Jugendrevolten hat jetzt der Dschihad Konjunktur. Vor 30 Jahren gab es die extreme Linke, revolutionäre Bewegungen. Aber die Ideologie der Ultra-Linken ist für diese jungen Leute zu intellektuell. Die wollen Härteres und wollen kämpfen.

Gibt es Menschen, die für diese Radikalisierung besonders anfällig sind?

Olivier Roy bei einer Podiumsveranstaltung in Italien 2010 (Foto: Francesco Alesi)
Forscht seit 30 Jahren über radikalen Islam: Olivier RoyBild: cc-by-nc-sa-Internaz

In Frankreich haben wir die Muslime der zweiten Generation. Die sind im Westen geboren und aufgewachsen. Aber ihre Eltern kommen aus einem muslimisch geprägten Land. Diese Menschen haben ein Problem bei der Transmission von Kultur und Tradition. Bei vielen haben die Eltern ihnen ihre Kultur nicht weiter gegeben. Sie haben sie auch nicht religiös gebildet.

Deswegen müssen sie ganz von vorne anfangen. Im Salafismus, im islamischen Fundamentalismus, finden sie eine Religion, die zu ihnen passt. Weil es eine Religion der Normen ist, von Geboten und von Verboten. Und: Es ist eine Form von Religion, die eine klare Linie zwischen den Rechtgläubigen zieht, den "Guten", und den Ungläubigen. Also allen anderen - inklusive ihrer Eltern und anderer Muslime. Damit wird der Salafismus für sie zu einer Art gebrauchsfertiger Ideologie. Diese gibt ihnen das Gefühl, einer Avantgarde oder Elite anzugehören, die die Welt rettet.

Das würde die religiöse Radikalisierung erklären. Aber noch nicht die Bereitschaft zu kämpfen und zu töten - zur Not auch sich selbst.

Absolut! Religiöser Radikalismus führt nicht automatisch zum Dschihad. Nur eine kleine Minderheit zieht letztendlich in den Dschihad. Diese Leute sind fasziniert von Gewalt und Tod. Es gibt eine selbstmörderische und nihilistische Dimension. In Europa versuchen sie nach Attentaten nicht wirklich zu entkommen. Die meisten sterben direkt am Anschlagsort. Wenn sie nach Syrien gehen, melden sie sich freiwillig für Selbstmordattentate. Oder sie lassen sich vom IS ("Islamischer Staat")als Kanonenfutter verheizen. Diese Leute haben offensichtlich eine Kultur des Todes.

Sehen Sie eine Möglichkeit, diese Leute zu erreichen? Etwa, wenn Eltern, Freunde, Kollegen sehen, dass ihr Kind, Freund, Bekannter in eine sehr gefährliche Richtung abgleitet?

Bücher des Islamwissenschaftlers Olivier Roy (Foto: DW/Matthias Von-Hein )
Zwei von vielen Büchern Roys zum Thema ExtremismusBild: DW/M. Von-Hein

Natürlich ist das soziale Umfeld sehr wichtig. Aber die Erfahrung zeigt: Wenn sie einen bestimmten Punkt überschritten haben, kann man sie nicht mehr überzeugen. Der einzige Weg, der sie zurückführen könnte, ist der, dass sie das Scheitern ihres Dschihads persönlich erleben. Wir haben Hunderte Dschihadisten, die aus Syrien zurückkommen. Einige haben dort möglicherweise schlimmste Verbrechen begangen. Aber andere sind enttäuscht und haben sich vom Dschihad abgewandt. Diese Leute könnten eine große Rolle dabei spielen, andere davon zu überzeugen, dass dieser Kampf es nicht wert ist, sein Leben dafür zu opfern.

Viele Terroristen haben Haftstrafen in Gefängnissen hinter sich. Und offensichtlich haben die Gefängnisse eine wichtige Rolle bei der Radikalisierung gespielt. Wie kann man das verhindern?

Unter jugendlichen Straftätern gibt es einen hohen Anteil von Muslimen der zweiten Generation. Junge Leute sind offen gegenüber Manipulation und Einfluss. Also muss man sich um die psychologischen und spirituellen Bedürfnisse der jungen Gefangenen kümmern. Deshalb sollte jedes Land eine professionelle muslimische Gefängnisseelsorge aufbauen.

Olivier Roy ist ein französischer Politikwissenschaftler, Berater und Diplomat. Er hat sich intensiv mit dem politischen Islam und dem Islamismus beschäftigt.

Die Fragen stellte Matthias von Hein.