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Spanien: Tourismus auf Raten

Stefanie Claudia Müller Madrid
1. Mai 2020

Ein Sommer ohne Malle? Spanien wurde auch wirtschaftlich schwer vom Coronavirus getroffen. Nun will sich das Land langsam öffnen. Ob im Sommer auch Touristen aus dem Ausland kommen, ist aber noch fraglich.

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Spanien: leerer Strand in Guardamar del Segura
Bild: DW/V.Cherezki

"Zum Strand werden wir in diesem Sommer gehen können", da ist sich der spanische Ökonom Aldo Olcese ziemlich sicher. Für ihn scheint das wirtschaftlich notwendig und psychologisch von Bedeutung zu sein: "Wir müssen wieder aufmachen und den 2,7 Millionen Menschen, die im Tourismus arbeiten, eine Perspektive geben."

Infografik Covid-19 Spanien DE

Von Vorteil ist dabei, dass die spanischen Inseln wesentlich weniger COVID-19-Infizierte haben als das Festland. Einige wie El Hierro und La Gomera melden sogar keinen einzigen Fall. Olcese glaubt jedoch, dass nur der Zugang zu den größten Stränden erlaubt sein wird: "Sie werden mit Plastikbändern abgesperrt werden und es wird einen polizeilich überwachten Eingang geben."

Am 11. Mai wird der Notstand in Spanien aller Voraussicht nach aufgehoben, dann könnte die langsame Öffnung des Landes, das seit mehr als sieben Wochen die strengste Ausgangssperre Europas erlebt, eingeleitet werden.

Spanien läuft die Zeit davon

Das ist wirtschaftlich dringend notwendig, auch wenn es bei mehr als 23.000 COVID-19 Toten ein gesundheitlicher Balanceakt ist. Tourismusministerin Reyes Maroto machte beim virtuellen G20-Treffen klar, wie wichtig nun die weltweite Koordination sei, vor allem bezüglich der Flüge und Sicherheitsvorkehrungen.

Bald werde auch an Flughäfen mehr getestet, glaubt Arndt Rolfs, Chef Biotech-Firma Centogene. Das Unternehmen aus Rostock hat eigene COVID-19-Tests auf den Markt gebracht und bietet sie jetzt auch in Spanien an.

"Wir sind bereits mit Flughäfen im Gespräch", sagt Rolfs. "Das Testen sowie eine anschließende, drei- bis vierstündige Quarantäne von Passagieren, die ohne Immunitätsnachweis am Flughafen ankommen, ist machbar." Allerdings könne auch das dazu beitragen, dass Menschen lieber nicht reisen, so Rolfs.

Infografik Tourismus abhängige Länder DE

Spanien besuchen jährlich rund 83 Millionen ausländische Touristen, die im vergangenen Jahr 92 Milliarden Euro in Hotels, Restaurants, Geschäften und Bars ausgegeben haben. Die Branche erwirtschaftet rund 14 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP).

Premier Pedro Sánchez hat entschieden, dass die Öffnung der 17 autonomen Regionen und Städte schrittweise und asymmetrisch erfolgen soll. Der spanische Epidemiologie Ildefonso Hernandez Aguado rät: "Die Regeln sollten für die Inseln weniger restriktiv sein, weil es dort weniger oder teilweise gar keine Opfer gibt."

Infografik Reiseziel Spanien DE

Yacht- und Ferienhausurlaub zuerst

Während das normale Arbeitsleben und der öffentliche Transport wieder langsam hochgefahren werden, muss der Freizeitbereich noch auf eine Öffnung warten, sagt die spanische Vize-Präsidentin Teresa Ribera. "Erst muss klargestellt werden, dass wir Beschäftigte und Gäste mit Masken und Desinfektionsmitteln schützen können".

Yacht- und Ferienhausurlaub wird wahrscheinlich eher möglich sein als das klassische Hotelgeschäft mit Büffet. Die  Restaurants stellen sich darauf ein, dass sie nur die Terrassen bewirtschaften können.

"Auf Mallorca rechnen wir damit, dass in der zweiten Mai-Hälfte wieder Ferienhausbesitzer und ausländische Geschäftsleute  kommen können", sagt der dort ansässige Rechtsanwalt Tim Wirth. Flüge auf die Insel gibt es derzeit ganz wenige und die sind fast leer.

Timo Weibel, derzeitiger Geschäftsleiter der Ferienvermietung Porta Mallorquina auf den Balearen, wünscht sich die Öffnung sobald wie möglich, da sein Geschäft deutlich ins Stocken gekommen ist: "Aber die Sicherheit der Menschen muss ganz oben stehen", so Weibel. 

Infografik Wirtschaftskrise Europa Covid-19 DE

Spanien muss seine Wirtschaft besser diversifizieren

Aufwind dürfte der Urlaub auf dem Land erfahren, da sich dort viele Einheimische sicherer fühlen werden als am Strand. Laut dem spanischen Immobilienportal Idealista nehmen die Suchen nach Häusern und Wohnungen außerhalb der Stadt zu. "Der heimische Tourismus wird wohl in den kommenden Wochen wieder langsam anlaufen", glaubt Rosi Speer, die mit ihrem Mann auf Mallorca das Hotel Sant Jaume in Alcudia führt und den Einbruch bisher kaum spürt: "Wir haben nur eine Angestellte und bieten nur Frühstück an. Unsere Fixkosten sind nicht so hoch."

Dem hochverschuldeten Spanien reichen die Einkünfte aus dem heimischen Tourismus aber nicht, vor allem nicht den Balearen, wo 40 Prozent des BIP durch die ausländischen Urlauber erwirtschaftet werden. In keinem anderen Land in Europa macht der Tourismus so einen großen Anteil am BIP aus wie in Spanien. "Es wurde versäumt, sich in den vergangenen Jahren mehr zu diversifizieren", klagt Ökonom Olcese. "Die Konsequenzen bekommen wir jetzt bitter zu spüren."

Das Überleben von börsennotierten Hotelketten wie Sol Melià wird sehr schwierig dieses Jahr. "Das wird ohne Staatssubventionen nicht gehen", sagt Olcese. "Kein Geschäft kann mit 50 Prozent der Einnahmen überleben". Viele der in Spanien typischen Strandbars, die "chiringuitos", werden diesen Sommer erst gar nicht aufmachen. "Es lohnt sich nicht, die Lizenzgebühren dafür zu bezahlen", begründet das der Fotograf und Unternehmer José Ferreiro.

Von so vollen Stränden wie im Sommer 2018 können die Spanier in diesem Jahr nur träumen
Von so vollen Stränden wie im Sommer 2018 können die Spanier in diesem Jahr nur träumenBild: picture-alliance/dpa/C. Margais

Er glaubt zudem, dass viele Spanier ihre Tradition, mindestens einmal am Tag zum Frühstücken in eine Bar oder zum Essen ins Restaurant zu gehen, ändern werden. "Ich merke es an mir selber", so Ferreiro. "Nach sieben Wochen Ausgangssperre vermisse ich diesen doch oberflächlichen Zeitvertreib immer weniger." Für die fast 200.000 Bars in Spanien wäre das eine sehr schlechte Nachricht. Ihre Besitzer müssten sich schnellstens neu erfinden. 

Deutschland könnte einen Strich durch die Rechnung machen

Ob der internationale Tourismus in Spanien wieder anläuft oder nicht, hängt auch davon ab, wie die Herkunftsländer der Touristen mit der Krise weiter umgehen, vor allem Großbritannien und Deutschland. Die deutsche Regierung hat bereits angekündigt, sie glaube nicht, dass die Deutschen in diesem Jahr nach Spanien fliegen können.