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Politik

Martin Schulz bei der Generation YouTube

5. September 2017

Wie erreicht man junge Wähler? Angela Merkel hat es vorgemacht, nun stellte sich auch Martin Schulz den Fragen von vier Internet-Stars der "Generation YouTube". Sabine Kinkartz berichtet aus Berlin.

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Berlin YouTuber fragen Martin Schulz
Bild: picture-alliance/dpa/K. Nietfeld

"Nihan", "ItsColeslaw", "MarcelScorpion" und "MrWissen2go", das sind zwei junge Frauen und zwei junge Männer, deren Kanäle auf der Video-Plattform YouTube zusammengezählt rund drei Millionen Abonnenten haben. Die Jüngste ist die 22-jährige Psychologiestudentin Lisa Sophie. In ihren Clips spricht sie über Alltagsgeschichten - mal über peinliche, mal über lustige, mal über problematische. Das kommt an in ihrer Community, wie "ItsColeslaw" ihre Zuschauer nennt.

"Meine Eltern machen mir gerade Druck mit dem Studium, weil ich schon ein paar Semester über der Regelstudienzeit bin", leitet sie eine ihrer Fragen an Martin Schulz ein. "Bei Ihnen ist es ja so, dass Sie die Schule abgebrochen haben - wie hat denn Ihre Familie darauf reagiert?" Der SPD-Kanzlerkandidat wechselt in seinem cremefarbenen Sessel kurz die Position und stöhnt lachend auf. "Oh Gott, Sie stellen mir ja Fragen", sagt er. "Begeistert waren die nicht", erzählt Schulz. Seine Eltern seien außer sich gewesen, die Mutter "richtig rebellisch".

Nie aufgeben

Was er Jugendlichen in einer ähnlich schwierigen Situation empfehle, fragt die YouTuberin. "Man muss den Mut haben, einen ungewöhnlichen Lebensweg zu gehen, aber ich kann immer nur sagen, schmeißt Euer Leben nicht weg", sagt Schulz. Auch er selbst sei "am Boden" gewesen, habe aber im Nachhinein betrachtet viel Glück gehabt.

Berlin YouTuber fragen Martin Schulz
Knapp 15.000 Zuschauer verfolgten die Sendung im Live-StreamBild: picture-alliance/dpa/K. Nietfeld

Bildung und Tierschutz sind die Themen, zu denen Lisa Sophie Martin Schulz befragt. Dazu hatte sie vor drei Wochen auch schon Angela Merkel interviewt. Die Kanzlerin war die Erste, die sich eine knappe Stunde lang live im Netz befragen ließ. 1,8 Millionen Mal ist das Video seitdem aufgerufen worden. Kein schlechter Schnitt für einen Politiker im Wahlkampf. Mit dabei war bei Merkel auch Mirko Drotschmann alias "MrWissen2Go". "Ihr seid schlecht in Geschichte, von Politik habt ihr keine Ahnung, und was in der Zeitung steht, habt ihr noch nie verstanden? Macht nichts, dafür habt ihr jetzt ja mich", so bewirbt der 31-Jährige seinen YouTube-Kanal.

Was kosten Milch und Butter?

Martin Schulz befragt er zu den Themen Wirtschaft, Arbeit und soziale Gerechtigkeit. In den vergangenen 20 Jahren habe die SPD 16 Jahre lang mit in der Regierung gesessen, sagt Drotschmann. "Sozial gerecht ist Deutschland in der Zeit nicht geworden - hat die SPD es verbockt?" Seine Partei mache "bestimmt nicht alles richtig", antwortet Schulz, aber seit zwölf Jahren stelle die SPD nicht den Bundeskanzler, der die Richtlinienkompetenz habe. "Wir sind Juniorpartner in der Koalition und haben vieles nicht durchsetzen können."

Ob er nah am Alltag der Menschen sei, will der YouTuber herausfinden und unterzieht Schulz einem "Realitätscheck". Der kann damit punkten, dass er weiß, was der Liter Milch aktuell im Discounter kostet (knapp 70 Cent), wann in seinem Heimatort Würselen der Restmüll abgeholt wird ("Wir sind Zone vier, also dienstags oder donnerstags") und dass der Preis für ein Päckchen Butter aktuell bei knapp zwei Euro liegt.

Zwei neue Gesichter

Neu in der Runde der Interviewer ist "MarcelScorpion" alias Marcel Althaus. In seinen Video-Clips geht es um Spiele, Lifestyle und Entertainment - aber auch um Trash-Inhalte wie Sex-Fragen an die Freundin. Der 23-Jährige hat auf seinen drei Kanälen zwei Millionen Follower und inzwischen auch ein Buch geschrieben: "Try Hard!: Generation YouTube - Warum dein Glück kein Zufall ist." Martin Schulz befragt er zum Thema Digitalisierung. Ein dankbares Thema, liegt doch Deutschland im OECD-Ranking zum Breitbandausbau nach Mexiko und Chile auf Platz 26. Kürzlich, so erzählt Althaus, sei er nach Düsseldorf gezogen und habe sich dort um einen Glasfaseranschluss bemüht. Als Wartezeit seien ihm 24 Monate avisiert worden.

Eine Steilvorlage für Martin Schulz, der Abhilfe verspricht, sollte er Bundeskanzler werden. In den Netzausbau müsse man "mehr investieren als in alles andere". Neben technischen Fragen geht es aber auch um Inhalte, um Sicherheit und Kriminalität im Internet und in den Sozialen Medien.

Wie er mit Hasskommentaren umgehe, fragt Althaus Schulz: "Sind Sie innerlich verletzt, wenn sie abends im Bett liegen?" Natürlich sei er das, antwortet der SPD-Kanzlerkandidat. Er schaffe es aber ganz gut, das Schlimmste auszublenden: "Leute, die so etwas schreiben, sind auf einer Ebene, die können mich nicht mehr treffen, da stehe ich drüber, die sind so weit unten, die Typen."

"Meine türkische Omi spricht kein Deutsch"

Organisiert und produziert wurden die beiden Interviews der Kanzlerkandidaten von dem zum TV-Konzern ProSiebenSat.1 gehörenden Multiplattform-Netzwerk Studio71. Für das Gespräch mit Schulz wählte das Unternehmen auch die 26-jährige Nihan aus. Auf YouTube präsentiert sie sich selbst, ihren Ehemann Tayfun und mehr oder wenig spektakuläre Szenen aus dem Alltag. Ihr Schwerpunkt liegt auf Beauty und Entertainment. So geht es in den Videos mal um die eigene Hochzeit, mal ums Haare färben oder um "Türkisch kochen mit meinen Omis". Politik sei nicht unbedingt ein großes Hobby von ihr, sagt Nihan, "aber das heißt nicht, dass ich mich nicht dafür interessiere".

Mit Martin Schulz spricht sie über Integration ("Das liegt mir wirklich sehr am Herzen"), oder besser gesagt, über fehlende und gescheiterte Integration. In Deutschland sei sie, obwohl hier geboren und aufgewachsen, die Türkin, erzählt Nihan, in der Türkei die "Deutschländerin". Ihre 84-jährige Oma, die in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen sei, spreche bis heute kein Deutsch. Was man gegen Parallelgesellschaften tun könne, will die junge Frau wissen.

Die Wurzeln nicht verleugnen

Schulz gibt zunächst zu erwartende Antworten (Sprachunterricht schon im Kindergarten, gemeinsames Lernen in den Schulen), bevor er über die Frage nach konkreten Maßnahmen zur Integration von Flüchtlingen auf eine andere Ebene wechselt. Es sei wichtig, Gemeinsamkeiten zwischen allen in Deutschland lebenden Menschen zu finden und zu betonen. Gleichzeitig müssten Menschen mit Migrationshintergrund lernen, dass man sich nicht zwischen zwei Identitäten zu entscheiden habe. "Sie sind Deutsche, nach Ihrem Pass, und gleichzeitig haben Sie türkische Wurzeln, die Sie nicht verleugnen müssen", gibt Schulz seiner Gesprächspartnerin mit auf ihren weiteren Weg.

Die fragt nach, ob die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland wachse. Daraufhin wird Schulz sehr deutlich: "Sie wächst. Das ist etwas, das bringt mich auf die Barrikaden, da krieg ich richtig die Krise." Die Alternative für Deutschland (AfD) schüre das noch. Wenn die AfD sage, "Wir sind die richtigen Deutschen, und ihr seid so halbierte Deutsche", dann könne man das nicht dulden, sagt Schulz: "Deshalb kämpfe ich gegen diese AfD mit all meinen Mitteln."

"Was war der größte Mist, den sie als Jugendlicher gebaut haben?", will Nihan zum Schluss von Schulz noch wissen. "Muss ich das jetzt sagen? Ich schäme mich", windet sich der Kanzlerkandidat: "Den größten Mist, den ich gebaut habe, kann ich nicht öffentlich machen." Schließlich gibt er über den "zweitgrößten Mist" Auskunft: "Ich habe mal mitten in einer durchzechten Nacht ein Paket Waschpulver ins Freibad geschüttet." Er sei über den Zaun geklettert, um zum Wasserbecken zu gelangen. Dann sei auch noch die Polizei gekommen. Gefasst wurde Schulz aber nicht, sagt er: "Ich war schnell genug."