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Was geschah mit Flug MH17?

Kersten Knipp16. Juli 2015

Vor einem Jahr kamen beim Abschuss einer Boeing der Malaysia Airlines über dem Staatsgebiet der Ukraine 298 Menschen ums Leben. Was weiß man über das Unglück und seine Folgen? Und was ist weiterhin ungeklärt?

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Bergung der Wrackteile von Flug MH17 in der Ostukraine 16.11.2014 (Foto:Reuters)
Bild: Reuters/Maxim Zmeyev

Was sind die Fakten?

Die Boeing 777 der Malaysia Airlines mit der Flugnummer MH17 war am 17. Juli 2014 auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur. Die Flugroute war durch das Flugsicherungssystem Eurocontrol und die internationale Organisation für Zivilluftfahrt (ICAO) freigegeben worden. Gegen 13:20 Uhr ukrainischer Ortszeit (16:20 westeuropäischer Zeit) wurde das Flugzeug aller Wahrscheinlichkeit nach von einer Rakete getroffen. Es stürzte sofort ab. Sämtliche 298 Insassen - Passagiere und Besatzung - kamen ums Leben. Die meisten der Opfer kamen aus den Niederlanden.

Was gilt als Absturzursache?

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Einschlag einer Rakete. Ein vorläufiger Bericht der mit der Untersuchung des Absturzes befassten niederländischen Sicherheitsbehörde ("Onderzoeksraad voor Veiligkeit", OVV) sieht die Art der Schäden am vorderen Flugzeugteil als Indiz dafür, dass zahlreiche Objekte von außen in das Flugzeug eindrangen. Dadurch sei es dann auseinander gebrochen. Hinweise auf technische Defekte oder Pilotenfehler enthält der Bericht nicht. Anfang Oktober dieses Jahres wird der OVV seinen endgültigen Abschlussbericht präsentieren.

Karte Flug MH17 (Karte:DW)
Die Route von Flug MH17

Wie gesichert ist die These, das Flugzeug sei von einer Rakete getroffen worden?

Die überwiegende Mehrheit internationaler Experten geht davon aus. Schon am Tag des Abschusses wurden Vermutungen laut, eine "Buk"-Rakete könnte das Flugzeug getroffen haben. Als wesentliches Indiz gelten die Löcher in Cockpit und vorderem Rumpf. Experten werten sie als Schrapnelleinschläge aus einem raketengetragenen Sprengkopf. Amerikanische Geheimdienstler erklärten, auch Satellitenaufnahmen hätten Hinweise auf den Start einer Rakete geliefert. Auch der militärwissenschaftliche Informationsdienst IHS Janes nimmt an, dass es sich um einen Abschuss durch eine "Buk"-Rakete handelte. Am Absturzort gefundene Metallstücke wurden einem Gefechtssprengkopf einer Buk-Rakete zugeordnet. Auch mehrheitllich für echt befundene Fotos und Videos lassen vermuten, dass das Flugzeug mit einer russischen Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde.

Galt die Route als riskant?

Ja. Die Route von Flug MH17-Route verlief über ein Krisengebiet, nämlich die östliche Ukraine. Dort bekämpfen sich bis heute das ukrainische Militär und pro-russische Separatisten. Mehrere internationale Fluggesellschaften hatten sich bereits dazu entschieden, das Gebiet zu umfliegen. Am 1. Juli hatten die ukrainischen Behörden den unteren Luftraum über dem Südosten des Landes sperren lassen. Zivilflugzeuge durften ohne spezielle Genehmigung nur noch oberhalb von knapp acht Kilometern fliegen. Anders als andere Fluglinien entschied sich Malaysia Airline, die Region weiterhin zu überfliegen. Doch war sie nicht die einzige Gesellschaft, die so entschied. In der Woche vor dem Unglück hatten rund 900 andere Linienflüge diese Route gewählt.

Wer gilt als verantwortlich für den Absturz?

Das ist nicht restlos geklärt. Die Ukraine und westliche Staaten vermuten, dass pro-russische Rebellen die Maschine mit einer Boden-Luft-Rakete abschossen haben. Moskau weist diese Darstellung zurück und macht stattdessen die Regierung in Kiew für den Abschuss verantwortlich.

Vieles spricht allerdings dafür, dass die Rakete aus den Reihen der Separatisten abgefeuert wurde. Bereits am 18. Juli veröffentlichte das ukrainische Innenministerium ein Video vom Vortag des Abschusses, das ein Buk-System mit einem unvollständigen Raketensatz zeigt. Dieses, versichert die Regierung, stamme von den Rebellen.

Malaysische Familien gedenken der Opfer des Abschusses von Flug MH17, 11.07.2014 (Foto: EPA/FAZRY ISMAIL +++(c) dpa - )
Trauerfeier für die Hinterbliebenen in MalaysiaBild: picture-alliance/dpa/F. Ismail

Der deutsche Bundesnachrichtendienst kam zu dem Schluss, Flug MH17 sei von Separatisten mit einem aus ukrainischen Beständen erbeuteten Buk-System abgeschossen worden. Tonbandaufnahmen lassen den Schluss zu, dass MH17 irrtümlich für ein ukrainisches Militärflugzeug gehalten wurde.

Konnten Beweisstücke gesichert werden?
Ja. Noch am Tag des Absturzes wurde der Flugdatenschreiber geborgen. Diesen übergaben die ukrainischen Rebellen nach vier Tagen an Vertreter Malaysias. Die Geräte wiesen keine Zeichen von Manipulation auf. Die Daten wurden anschließend von der britischen Behörde für Flugunfalluntersuchung ("Air Accidents Investigation Branch, AAIB) untersucht. Die Ergebnisse ihrer Arbeit wurden den niederländischen Behörden zur Verfügung gestellt

Wie haben die Angehörigen der Opfer juristisch reagiert?

Ein Jahr nach dem Abschuss haben sie einen Separatistenführer auf umgerechnet rund 826 Millionen Euro Schadenersatz verklagt. Bei der Klage stützen sie sich auf ein US-Gesetz zum Schutz vor Folter und außergerichtlicher Tötung, das gegen Ausländer angewendet werden kann. Es gehe weniger um finanzielle Entschädigung als darum, Antworten auf offene Fragebn zu erhalten, erklärte einer der Opferanwälte. Außerdem wollen sie auf diese Weise Druck auf Russland ausüben.

Ein bewaffneter Separatist am Mahnmal an der Absturzstelle, 11.11.2014 (Foto: Reuters/ Maxim Zmeyev)
Ein bewafneter Separatist am Mahnmal an der AbsturzstelleBild: Reuters/M. Zmeyev

Wen machen die Angehörigen der Opfer für den Absturz verantwortlich?

Klage haben sie gegen den russischen Staatsbürger Igor Girkin erhoben. Der trat zeitweilig als Verteidigungsminister der nicht anerkannten "Volksrepublik Donezk" auf. In der Klageschrift heißt es, er habe den Abschuss der Boeing 777 durch seine Rebellenarmee angeordnet, unterstützt oder begünstigt. Die Separatisten hätten die Zustimmung des Kreml gehabt.

Wie sollen die Fakten endgültig geklärt werden?

Malaysia hat gefordert, den Absturz durch ein Tribunal der Vereinten Nationen untersuchen zu lassen. Dazu brachte das Land in der vergangenen Woche einen Resolutionsentwurf in den UN-Sicherheitsrat ein. Darin wird die Einrichtung eines Tribunals gemäß Kapitel sieben der UN-Charta gefordert. Sollte es Widerstand gegen die Aufklärungsbemühungen des Gerichts geben, könnten seine weitere Arbeit mit Sanktionen durchgesetzt werden. Die Niederlande unterstützen diesen Vorschlag.