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Flüchtlingsrekord vor Grenzschließung

13. September 2015

Die Zahl neuer Flüchtlinge hat in Ungarn und München Rekordstände erreicht. Grund dafür dürfte die von den ungarischen Behörden für Dienstag angekündigte komplette Schließung der Grenze nach Serbien sein.

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Flüchtlinge warten im ungarischen Röszke darauf, in einen Bus zu steigen (Foto: REUTERS/Laszlo Balogh)
Bild: Reuters/Laszlo Balogh

Eine Rekordzahl von 4330 Flüchtlingen registrierte die ungarische Polizei am Samstag. Das waren knapp 600 mehr als beim bisherigen Tageshöchsstand am Donnerstag. Zusätzlich seien in der Nacht zum Sonntag weitere 1604 Flüchtlinge gekommen, teilte die Polizeiführung in Budapest mit. Die Behörden ließen viele in Zügen und Bussen Richtung Österreich weiterfahren.

Dort rechnet die Polizei nach den Erfahrungen der vergangenen Tage wieder mit zwischen 6000 und 8000 Menschen, die die Grenze aus Ungarn überqueren werden. Mit den ungarischen Behörden gebe es seit Samstagabend keine Kommunikation mehr, erklärte ein Sprecher des Innenministeriums gegenüber der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Das erschwere eine vorausschauende Planung und Organisation. Die Flüchtlinge werden mit Zügen und Bussen zunächst nach Wien gebracht, von wo der Großteil mit dem Zug direkt in Richtung München weiterreist.

München: Mehr als 13.000 Neuankömmlinge an einem Tag

Doch die bayerische Landeshauptstadt kann den Andrang kaum noch bewältigen. Seit Ende August hat München bereits 63.000 Flüchtlinge, also etwa die Bevölkerung einer Kleinstadt, empfangen und versorgt. Am Samstag zählte die Bundespolizei bis Mitternacht mehr als 13.000 Neuankömmlinge in München. Weil die Nachtunterkünfte nicht ausreichten, mussten einige Menschen auf Matten am Bahnhof übernachten. Es sei "ganz klar, dass wir an die äußerste Grenze unserer Kapazitäten gelangt sind", sagte ein Polizeisprecher. Dass wider Erwarten doch fast alle neu in München ankommenden Asylsuchenden für eine Nacht untergebracht werden konnten, liege an einem kurzfristig aufgestellten Zelt mit weiteren 1000 Plätzen, sagte Oberbayerns Regierungssprecherin Simone Hilgers.

Flüchtlinge übernachten im Hauptbahnhof München auf dem Boden (Foto: REUTERS/Michaela Rehle)
Nicht für alle Neuankömmlinge in München gab es am Samstag einen Schlafplatz in einer NotunterkunftBild: Reuters/Michaela Rehle

Bis mindestens Dienstag wird mit ähnlich hohen Flüchtlingszahlen zu rechnen sein. Dann will Ungarn seine Grenze zu Serbien komplett für Flüchtlinge dicht machen. Dazu war in den vergangenen Wochen ein Stacheldrahtzaun hochgezogen worden, der allerdings noch freie Passagen ließ. Ab dem 15. September gilt illegaler Grenzübertritt zudem als Straftat und nicht mehr wie bisher als Ordnungswidrigkeit. Illegalen Einwanderern drohen dann bis zu drei Jahre Haft.

Pro Asyl kritisiert Konzept der EU-Kommission

Immer mehr Flüchtlinge - die meisten aus dem Bürgerkriegsland Syrien - versuchen deshalb offenbar, die Zeit bis zur kompletten Grenzschließung zu nutzen, um noch auf dem kürzesten Weg nach Deutschland und in andere Länder Mittel- und Nordeuropas zu gelang. Andere Varianten auf der sogenannten Balkan-Route sind länger, zeitaufwändiger und zum Teil mit zusätzlichen Risiken verbunden. Etwa der Weg von Nordgriechenland über Albanien und die Adria nach Süditalien. Auf dem Landweg bietet sich noch die Varianten von Serbien über Bosnien, Kroatien und Slowenien nach Österreich an.

Infografik Flüchtlinge Balkanroute (Grafik: DW)
Die schnellste Flüchtlings-Route nach Mitteleuropa führt noch durch Ungarn

Angesichts des massenhaften Andrangs von Flüchtlingen forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel vor allem von Griechenland einen besseren Schutz der EU-Außengrenzen. Pro Asyl warnte indes vor dem Bau "riesiger Internierungslager" an den Außengrenzen der EU. Das Konzept der EU-Kommission zu sogenannten Brennpunkt-Zentren in stark belasteten Ankunftsländern werde dazu führen, "dass Zehntausende eingesperrt werden", sagte Pro-Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt. Ein solches Vorgehen sei "eine grobe Verletzung der Menschenrechte" und werde nur dazu führen, dass weiter Tausende versuchen würden, über illegale Wege nach Europa zu kommen.

Orban will Flüchtlinge in Heimatländer zurückschicken

Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orban kündigte derweil an, sein Land werde Flüchtlinge künftig in ihre Heimatländer zurückschicken. Sie sollten "dorthin, wo sie herkommen", sagte er der "Bild"-Zeitung. Orban kündigte einen eigenen Plan zur Flüchtlingspolitik an. Demnach sollen Syriens Nachbarstaaten - die Türkei, Libanon und Jordanien - so lange massive Finanzhilfen erhalten, "bis der Flüchtlingsstrom versiegt".

Ärzte im ungarischen Flüchtlingslager Röszke an der Grenze zu Serbien warnen unterdessen vor einer Ausbreitung von Krankheiten in dem Camp. Es gebe kein fließendes Wasser und keine Waschgelegenheiten. Wegen eines Mangels an Toiletten verrichteten die Menschen ihre Notdurft nahezu überall, kritisierte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen.

ww/uh (AFP, dpa, Reuters)